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„Trump ist ein echter Hingucker“

Von STEFAN TOMIK

20.01.2017 · Der Körpersprache-Experte Stefan Verra analysiert für FAZ.NET das Auftreten Donald Trumps. Er findet: „Trump hat die Wahl auch gewonnen, weil er authentisch wirkt.“

Nicht nur Inhalte beeinflussen eine Wahl, sondern auch die Persönlichkeit der Bewerber, ihr Auftreten, ihre Körpersprache. Denn unser Gehirn entscheidet in Sekundenbruchteilen, ob es deren Aussagen wohlwollend oder distanziert aufnehmen wird. So betrachtet ist Donald Trump, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, „ein echter Hingucker“, sagt der österreichische Körpersprache-Experte Stefan Verra. „Mit großen Gesten hat er sich weit über das Rednerpult hinausgetraut. Und ein großer Ausdruck hinterlässt einen großen Eindruck.“

Trumps Berater hätten gute Arbeit geleistet, findet Verra. „Sie wussten, dass sie aus Trump niemals einen Obama machen können, und so haben sie seine körpersprachlichen Eigenheiten unangetastet gelassen. Damit wirkt er authentisch.“ Und Trump habe durch hunderte Auftritte vor großem Publikum viel hinzugelernt. Das trainiere jeden Politiker, sagt Verra. „Wenn du erfolgreich sein willst, mach die Ochsentour.“

Für FAZ.NET hat Stefan Verra einige Szenen aus der ersten Pressekonferenz nach der Wahl kommentiert. Dort trat Trump viel defensiver auf als bei vielen seiner Wahlkampfreden. Trump und die Medien – das ist ein angespanntes, bisweilen geradezu feindliches Verhältnis. Seine Körperspräche während der Pressekonferenz spiegelt das.

Verkrampfter Blick

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Verra: „Hier ist Trumps Anspannung deutlich zu erkennen: Wenn er sich konzentrieren muss, minimiert sich seine Körpersprache. Für ungewohntes Terrain fehlt ihm die Souveränität. Sobald er den Inhalt der Frage erfasst hat und weiß, wie er reagieren muss, entspannt er sich – dieser Moment ist hier deutlich erkennbar.“

Dominanter Unterkiefer

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Verra: „Trump schiebt oft seinen Unterkiefer nach vorn und zeigt seine Zähne. Ärgert er sich, oder will er seinen Worten mehr Kraft verleihen, tut er das mit diesem uralten Signal. Ein starker Unterkiefer steht evolutionsbiologisch für einen höheren Testosteronspiegel, und er verleiht ein kräftigeres Erscheinungsbild.“

Angelegte Ellbogen

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Verra: „Mit seinen Händen und Unterarmen ist Trump sehr aktiv. Seine Ellbogen führt er jedoch oft eng am Oberkörper, und die Handgelenke biegt er leicht nach außen. Das wirkt paradoxerweise eher feminin. Versuchen Sie einmal, in dieser Pose irgend etwas zu bewegen! Es scheint: Trump ist offensichtlich sehr wortgewaltig, aber konkrete Handlungen überlässt er lieber anderen.“

Aggressives Zeigen

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Verra: „In geradezu herrischer Weise ruft Trump in seiner Pressekonferenz Journalisten auf, andere Fragesteller wischt er einfach beiseite. Bundeskanzlerin Merkel überlässt die Auswahl meist einer Vertrauten. Der gestreckte Zeigefinger Richtung Publikum ist in den Vereinigten Staaten zwar allgegenwärtig, allerdings will man damit meist Nähe und Kontakt signalisieren. Das funktioniert nur im Zusammenspiel mit einem Lächeln und weit geöffneten Augen, wie Hillary Clinton es gezeigt hat – wenn auch oft grotesk übersteigert. Trump hingegen reduziert die Geste auf den gestreckten Zeigefinger und schaut bitterernst. Es ist eine Dominanzgeste, die an Aggressivität grenzt. Er gebietet wie ein Herrscher über sein Volk. Er will das Heft in der Hand behalten.“

Hartes Wortgefecht

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Besonders deutlich wird dieser Herrschaftsanspruch in dem Wortgefecht, das sich Trump mit dem anwesenden CNN-Reporter liefert. Trump hatte den Sender für dessen Berichterstattung frontal angegriffen, wollte dem CNN-Reporter aber keine Nachfrage dazu gestatten. Der versucht trotzdem immer wieder, sich Gehör zu verschaffen. Die Pressekonferenz läuft völlig aus dem Ruder.

Majestätische Drehung

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Verra: „Auffällig ist, wie sich Trump umdreht. Normalerweise bewegen Menschen zuerst ihre Augen, dann den Kopf und schließlich ihren Rumpf. Bei Trump ist es anders: Sein Rumpf dreht sich zuerst oder gleichzeitig mit dem Kopf. Trump ist es offenbar gewohnt, dass er nicht anschaut, sondern angeschaut wird. Das wirkt steif, hat aber auch etwas Erhabenes: Der König muss sich nicht dafür interessieren, was hinter ihm passiert. Er verlässt sich darauf, dass seine Leute ihm den Rücken freihalten. Generell ist Trump – anders als Obama – kein Bewegungstalent.“

Der österreichische Körpersprache-Experte, Coach und Buchautor Stefan Verra (43) lebt in München und lehrt an der Universität Heilbronn.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.01.2017 12:39 Uhr