https://www.faz.net/-gpf-a5f4m

Ernennung zum Stabschef : Warum Biden Klain vertraut

Ron Klain und Joe Biden im November 2014 in Washington Bild: Reuters

Ron Klain war bei Joe Biden schon in Ungnade gefallen. Nun soll er dessen Stabschef werden. Der gewählte Präsident sendet mit der Benennung des Washington-Insiders auch ein Signal an Trump.

          3 Min.

          „Es fällt mir schwer, eine solche Rolle im Biden-Niedergang zu spielen”, schrieb Ron Klain im Oktober 2015 in einer Mail an den Kampagnenmanager von Hillary Clinton. Klain hatte sich damals entschieden, Clinton bei ihren Bemühungen ums Weiße Haus zu helfen und zwar noch bevor Joe Biden, für den er zuvor lange gearbeitet hatte, bekannt gab, dass er nicht bei der Präsidentenwahl 2016 antreten werde. Für das Team um Joe Biden, sei er „definitiv gestorben“, fügte Klain in der Mail an, die später von russischen Hackern erbeutet und von Wikileaks veröffentlicht wurde. Das galt aber höchstens bis 2017, denn da hatten die beiden Männer eine Aussprache. Nun hat der gewählte Präsident Joe Biden am Mittwoch angekündigt, Klain werde sein Stabschef im Weißen Haus sein.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Geboren wurde der 59 Jahre alte Ronald A. Klain im Bundesstaat Indiana, dem er auch heute noch verbunden ist. Die meiste Zeit seines Lebens hat er allerdings in Washington verbracht, wo er seit den späten Achtzigern arbeitet. Dort lernte er auch Joe Biden kennen. Der damalige Senator war Vorsitzender des Justizausschusses und Klain sein Berater in den Anhörungen von Clarence Thomas für einen freien Sitz am Obersten Gerichtshof.

          1992 wechselte er zu Bill Clinton und half diesem bei seiner erfolgreichen Kampagne für das Präsidentenamt. Nach dessen Sieg beriet er den Präsidenten bei der Besetzung von freien Stellen am Supreme Court. So half er unter anderem, Ruth Bader Ginsburg im Senat bestätigt zu bekommen. 1995 wurde er dann Stabschef von Vizepräsident Al Gore und arbeite auch für dessen Wahlkampagne, wurde aber 1999 nach einem internen Streit entlassen.

          Nur ein Jahr später setzte Gore aber wieder auf ihn; es ging um die Nachzählungen im Bundesstaat Florida. Richter stoppten diese, als Gore mit 537 Stimmen hinten lag. Gore gestand seine Niederlage ein. Klain hat diese bis heute nicht verwunden. „Immer wieder sagen Leute mir, ich solle die Wahl und die Nachzählung 2000 ,überwinden‘“, schrieb Klain 2019 auf Twitter. „Das habe ich nicht und ich glaube, dass ich das niemals werde.“

          Klain wechselte danach als Lobbyist in die Privatwirtschaft, engagierte sich 2004 aber für John Kerry, den er wie schon Bill Clinton und Gore und später auch Obama, Hillary Clinton und Biden in der Vorbereitung auf die Fernsehdebatten unterstützte.

          Bis 2008 folgte ein weiteres Gastspiel in der Privatwirtschaft, bevor er Stabschef für Vizepräsident Joe Biden wurde. Den Posten hatte er bis 2011 inne. In der Zeit war er mitverantwortlich für das 787 Milliarden schwere Rettungspaket für die amerikanische Wirtschaft. Eigentlich war er im Gespräch, in Obamas zweiter Amtszeit dessen Stabschef zu werden, doch er verließ aus privaten Gründen das Weiße Haus und nahm einen anderen Job an. 2014 kehrte er allerdings zurück, um für Obama die Reaktion auf den Ausbruch von Ebola in den Vereinigten Staaten zu koordinieren. Es folgten das Engagement für Hillary Clinton und Posten als Berater und Lobbyist in der Wirtschaft, ehe er für Bidens Wahlkampagne wieder zu seinem früheren Chef stieß.

          F+ FAZ.NET komplett

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          Jetzt F+ kostenlos sichern

          Klain galt seit Monaten als wahrscheinlichste Wahl für den Posten. Auf ihn kommt nun der wohl wichtigste Job in der Präsidentenadministration zu, der keiner Bestätigung durch den Senat bedarf. Er ist für die Arbeitsabläufe im Weißen Haus verantwortlich, bestimmt, wer den Präsidenten sehen darf und was der Präsident liest. Besonders wichtig ist dabei ein Vertrauensverhältnis zum Mann im Oval Office. Laut Jay Carney, einem früheren Pressesprecher des Weißen Hauses, der jetzt für Klain arbeitet, sei das gegeben. „Biden vertraut ihm absolut“, sagte er der „Washington Post“. Aber Klain verfüge noch über eine andere wichtige Qualität, so Carney. Er sage Biden immer, was er denke, nicht was dieser hören wolle.

          Biden bezeichnete Klain in einer Stellungnahme am Mittwoch als „unbezahlbar“. Er werde auf dessen „tiefe, diverse Erfahrungen“ bauen. Biden hob hervor, dass die beiden schon bei der „Rettung der amerikanischen Wirtschaft“ und der „Bewältigung eines herausfordernden Gesundheitsnotstands“ zusammengearbeitet hätten.

          Der gewählte Präsident sendet mit der Ernennung Klains mehrere Signale. Einerseits zeigt er, dass Erfahrung wichtig ist, während unter Donald Trump oft Personen befördert wurden, die für den jeweiligen Posten nicht unbedingt geeignet waren. Außerdem ist Klain auch für den progressiven Flügel der Demokraten tragbar. Eine Eigenschaft, die gerade jetzt wichtig ist, da sich nach der Wahl Moderate und Progressive gegenseitig für den Verlust von Abgeordnetenmandaten und Niederlagen in verschiedenen Senatsrennen verantwortlich machen. Elizabeth Warren bezeichnete die Wahl von Klain als „ausgezeichnet“ und auch Alexandria Ocasio-Cortez gratulierte. Beide sind Aushängeschilder des linken Flügels.

          Des Weiteren zeigt der gewählte Präsident, wo für ihn die Prioritäten in seiner Amtszeit liegen: bei der Bewältigung der Corona-Pandemie und der Überwindung der daraus folgenden Rezession der amerikanischen Wirtschaft. Dass Klain dafür bereit ist, hat er schon während des Wahlkampfs gezeigt. In einem Video, in dem er vor einer weißen Tafel mit mehreren Stichworten steht, zerlegt er die Reaktion des Präsidenten und verspricht vor allem eines: Joe Biden werde anders handeln.

          Letztlich sendet Biden auch ein wichtiges Zeichen an Donald Trump: Er lässt sich durch dessen Gebaren nicht aus der Ruhe bringen. Obwohl der Präsident bis dato seine Niederlage nicht eingestanden hat, schreitet Biden mit der Planung für seine Präsidentschaft voran.

          Weitere Themen

          „Hohe psychische Belastung für Erzieher“ Video-Seite öffnen

          Kitas fordern Impfpriorität : „Hohe psychische Belastung für Erzieher“

          Ein Berliner Kita-Leiter erklärt, die psychische Belastung für Erzieher und Erzieherinnen nehme zu, da der zwischenmenschliche Kontakt für Kinder wichtig sei, aber in der Pandemie mit vielen Risiken verbunden ist. Daher hofft er auf bevorzugte Impfungen in diesem Bereich.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

          Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Armin Laschet im September 2018 ungefähr 1200 Meter unter Tage in der Steinkohlenzeche Prosper Haniel in Bottrop.

          Neuer CDU-Vorsitzender : Der Wirtschaftspolitiker Armin Laschet

          Weniger Bürokratie, nicht „halb grün“, europäische Champions: Wofür der neue CDU-Chef wirtschaftspolitisch steht, hat er als Ministerpräsident schon in wichtigen Einzelfällen gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.