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Foto: LAT/Polaris/Laif

Im Würgegriff

Von ANDREAS ROSS
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Weil ein Polizist ihn getötet hat, wird der vielfach vorbestrafte George Floyd zur Ikone. Immer mehr Weiße begreifen, dass das Justizwesen Millionen von Amerikanern nicht Gerechtigkeit, sondern Unterdrückung und Ausbeutung verheißt. Kann sich das ändern?

Rosa Parks war Sekretärin in Alabama. 1955 nahm die Polizei sie in Montgomery fest. Ihr Vergehen: Sie hatte ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen Weißen räumen wollen. Martin Luther King war Baptistenprediger in der Stadt und organisierte einen Bus-Boykott. Er wurde 29 mal verhaftet, bis er 1968 unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen wurde. Sein Vergehen: Er hatte eine nationale Bürgerrechtsbewegung begründet, die dem Rassismus mit gewaltfreiem Widerstand trotzte. John Lewis war Theologiestudent. 1965 spaltete ihm ein Polizist in Selma die Schädeldecke, er überlebte knapp. Sein Vergehen: Lewis hatte einen gesitteten Protestmarsch angeführt, den der Sheriff nicht dulden wollte.

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Ikonen der Bürgerrechtsbewegung: Ein Polizist in Montgomery nimmt Rosa Parks 1956 die Fingerabdrücke ab, weil sie abermals Regeln zur Rassentrennung missachtet hat. 55 Jahre nach dem „Blutigen Sonntag“ führt der schwer kranke John Lewis im März 2020 noch einmal einen Marsch über die Edmund-Pettus-Brücke von Selma an. Martin Luther King nahm im Juni 1963 am „Detroit Freedom March“ teil.

Rosa Parks, „MLK“ und John Lewis sind Ikonen der Bürgerrechtsbewegung – und Ikonen der Rechtschaffenheit; Lewis ist bis heute Abgeordneter und gilt als „Gewissen des Kongresses“. Doch zuletzt haben Hunderttausende Aktivisten in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt einen anderen Afroamerikaner auf den Schild gehoben. Ihre Rufe nach Gerechtigkeit ertönen nun im Namen von George Floyd. Er war fünfmal in Houston ins Gefängnis gesteckt worden, bevor er am 25. Mai in Minneapolis von einem weißen Polizisten getötet wurde.

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Black Lives Matter: Wenige Tage nach dem Tod von George Floyd wird vor einer Polizeiwache in Minneapolis (oben) und in der kalifornischen Stadt Oakland gegen Polizeigewalt und Rassismus demonstriert.

Seine Vergehen: laut Anklage viermal Besitz, Weitergabe oder Absicht zur Weitergabe von weniger als einem Gramm Kokain; zwei Diebstähle; Verweigerung der Personenfeststellung; Landfriedensbruch; bewaffneter Raubüberfall. Das Inverkehrbringen eines gefälschten 20-Dollar-Scheins in Minneapolis kam nicht mehr zur Anklage, denn die Polizei tötete den unbewaffneten Floyd in der Nähe des Tatorts. Die Gerichtsmediziner fanden Spuren von Fentanyl und Crystal Meth im Blut des Sechsundvierzigjährigen. Außerdem wiesen sie eine Infektion mit dem Coronavirus nach; wegen der Epidemie hatte Floyd schon seinen letzten Job als Türsteher verloren. Zudem verzeichnet der Autopsiebericht eine Tätowierung: Floyd hatte sich den Namen seiner Mutter auf den Bauch stechen lassen.

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„In unseren Herzen atmet er ewig“: Im Viertel „The Bricks“ von Houston, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte, wird an „Big Floyd“ als Engel erinnert.

Natürlich versuchen Rechte, Floyds Vorstrafenregister und Drogenkonsum gegen das Opfer und gegen die Black-Lives-Matter-Bewegung auszuspielen: Ein jeder soll wissen, womit Amerikas Polizisten es tagaus, tagein zu tun bekommen. Doch augenscheinlich verfängt die Taktik nicht mehr so gut. Ein wachsender Teil auch der weißen Amerikaner ist bereit zur posthumen Solidarität mit einem in Armut aufgewachsenen Arbeitslosen, der fünf Kinder mit verschiedenen Frauen hatte, der die Chancen seines Basketball-Stipendiums an einer Fachhochschule in Florida offenbar nicht zu nutzen verstand und ohne Abschluss in seine „Hood“ zurückkehrte, der über das harte Leben dort rappte und von den Behörden exakt sein halbes Leben lang als Straftäter geführt wurde. Immer mehr Amerikaner sehen in seinem Tod nicht das geradezu absehbare Ergebnis einer langen Kette persönlicher Fehlentscheidungen, sondern einen Beleg für die Unreife ihres Landes und ein Fanal für eine tiefgehende Reform des Polizei- und Justizsystems. Denn es verheißt Abermillionen Amerikanern nicht Gerechtigkeit, sondern Willkür, Unterdrückung und Ausbeutung.

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Freunde und Helfer – oder Gegner? In Los Angeles werden 2013 Demonstranten festgenommen, die nach der Tötung des Schwarzen Trayvon Martin durch ein Mitglied einer Bürgerwehr in Florida gegen Rassismus demonstrierten (oben). In Atlanta beseitigt ein Bediensteter der Stadt im Juni 2020 die Parole „Defund Police“ (Streicht der Polizei die Mittel) von einer Straßenkreuzung.

Es beginnt damit, dass Schwarze von Polizisten viel häufiger kontrolliert und brutaler behandelt werden. Nicht ohne Grund zögern die fast 18.000 Polizeibehörden in Amerikas Staaten, Landkreisen und Städten, die weitgehend unabhängig voneinander ihre jeweilige Vorstellung von „Recht und Ordnung“ durchsetzen, ihre Statistiken an den Bund zu melden. Die Nationale Akademie der Wissenschaften hat aber berechnet, dass schwarze Männer ein zweieinhalbmal so hohes Risiko haben wie Weiße, von Polizeischüssen getroffen zu werden. Das ist freilich nur die Spitze des Eisbergs namens „Racial Profiling“ – einer Taktik, über die Polizisten gern sarkastisch sagen: „Machen wir natürlich nicht, funktioniert aber sehr gut!“

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Überfüllte Gefängnisse: Wie hier in einem kalifornischen Staatsgefängnis im Jahr 2007 werden bis heute vielerorts auch Aufenthaltsräume benutzt, um weitere Häftlinge unterzubringen.

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