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Majid Sattar (sat.)

Rassismus in Amerika : Nur ein paar faule Äpfel?

  • -Aktualisiert am

„Black lives Matter“ prangt groß auf der Fulton Street in Brooklyn Bild: EPA

Donald Trump, Sprachrohr der weißen Wutbürger, versteht sich als Anwalt der Polizei. Mehr als punktuelle Korrekturen am strukturellen Rassismus in Amerika wird es mit ihm nicht geben.

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          Dass etwas anders ist als sonst in Amerika, wenn ein Schwarzer bei einem Polizeieinsatz getötet wird, machen nicht zuletzt die Reaktionen vier ehemaliger Präsidenten deutlich. Diesmal beließ man es nicht dabei, Bedauern über den „tragischen“ Tod George Floyds zu äußern und für die Hinterbliebenen zu beten. Barack Obama etwa äußerte, für Millionen schwarzer Amerikaner sei es ebenso „schmerzhafte wie unerträgliche Normalität“, wenn sie von den Strafverfolgungsbehörden „anders“ behandelt würden. George W. Bush stellte die Frage, wie man den systemischen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft beenden könne.

          Zwar meiden viele Republikaner im Kongress den Begriff Rassismus. Sie leugnen aber nicht den Befund, dass die Angst, von einem Polizisten angehalten zu werden, ein ständiger Begleiter im Leben eines schwarzen, nicht aber eines weißen Amerikaners ist. Dass sie die Symptome beschreiben, sich aber der Diagnose verweigern, hat einen einzigen Grund: Donald Trump. Der Präsident wehrt sich gegen eine Systemdebatte. Er spricht von „ein paar faulen Äpfeln“, wie es sie überall gebe. Vorurteile seien zu bekämpfen; doch werde es keine Wunden heilen, Millionen Amerikaner fälschlicherweise als Rassisten zu bezeichnen.

          Die Debatte über Rassismus in der amerikanischen Polizei ist zunächst ein statistischer Deutungskampf. Der Klage etwa, Konfrontationen der Ordnungshüter mit Afroamerikanern seien, gemessen an deren Bevölkerungsanteil, unverhältnismäßig hoch, wird der Hinweis entgegengehalten, die Zahl der Verbrechen, die von Schwarzen begangen würden, sei es ebenfalls. Darauf schallt es zurück: Während Schwarze ständig auf der Straße angehalten und auf Drogen kontrolliert würden, könnten weiße Studenten in ihren Verbindungshäusern unbehelligt Kokain schnupfen. Die Debatte wird schnell grundsätzlich: Die Polizei erfülle im Grunde immer noch den Auftrag, den sie bei ihrer Gründung erhalten habe: Sie schütze die Interessen der Privilegierten und sorge ansonsten für Ruhe.

          Kein Schweigen mehr

          Mit dieser Ruhe ist es nun aber vorbei. Es ist etwas in Bewegung geraten. Die Kinder derer, die sich Amerika nicht schlechtreden lassen wollen, sind nicht länger bereit zu schweigen. An manchen Protestmärschen nahmen ebenso viele weiße wie schwarze Amerikaner teil. In Frage gestellt wird nicht weniger als das amerikanische Credo: Sei fleißig und nutze deine Freiheit – der Rest regelt sich von allein. Die Empirie hätte schon früher Anlass geboten, daran zu zweifeln. Doch hieß es lange, hinter vorgehaltener Hand: Wenn auch Jahrzehnte nach der bürgerrechtlichen Gleichstellung und der aktiven Minderheitenförderung sich wenig zum Besseren gewendet habe, könnte es da nicht auch Ursachen geben, die mit den Besonderheiten der schwarzen Minderheit zusammenhingen? Jener Gruppe, die nicht auf der Suche nach einem besseren Leben ins Land kam? Die Replik der Schwarzen lautet heute: 200 Jahre, in denen es immer nur um den Vorteil für Weiße gegangen sei, ließen sich nun einmal nicht mit formalistischer Chancengleichheit korrigieren, zumal in einer Gesellschaft, in der Reichtum vor allem ererbt (und nicht erarbeitet) wird.

          Wahr ist freilich auch: Nicht alles kann mit dem System erklärt werden. Wie schwer es ist, Probleme innerhalb der schwarzen Bevölkerungsgruppe anzusprechen, musste selbst Obama einst zur Kenntnis nehmen. Als Präsidentschaftsbewerber wagte er es zu sagen, schwarze Männer müssten mehr Verantwortung für ihr Leben übernehmen, etwa bei der Erziehung ihrer Kinder. Daraufhin warf ihm der Bürgerrechtler Jesse Jackson vor, er, Obama, ziehe über seine eigenen Leute her. Tatsächlich bedarf es mehr afroamerikanischer Vorbilder, die Heranwachsenden in sozialen Brennpunkten vermitteln, dass es ehrgeizigere Ziele im Leben gibt, als zu versuchen, nicht ins Gefängnis zu kommen.

          Trump nimmt keinen Rat an

          Nötig ist nicht nur eine grundlegende Polizeireform, sondern auch eine ehrliche Debatte über fortbestehende strukturelle Ungleichheiten und das Prinzip der Eigenverantwortung. Trump hat daran kein Interesse. Er betrachtet die Wortmeldungen seiner Vorgänger als Wahlkampfhilfe für die Demokraten – und als Versuch, das weiße Amerika weiter zu marginalisieren. Trump ist das Sprachrohr der „angry white men“, der weißen Wutbürger, die glauben, Obama habe ihnen „ihr“ Amerika nehmen wollen. Der Amtsinhaber versteht sich als Anwalt der Ordnungshüter und als „law and order“-Präsident. Mehr als punktuelle Korrekturen wird es mit ihm nicht geben.

          Trumps Kalkül ist klar: Er zielt auf diejenigen, die Angst vor Chaos und Gewalt haben und die fürchten, ihre Privilegien zu verlieren. Den Rat gemäßigter Republikaner, die sehen, dass sich ihre Ehefrauen und Kinder voller Abscheu abwenden, nimmt er nicht an. Er setzt alles auf eine Karte. So hat er seinem demokratischen Herausforderer eine Wahlkampfstrategie gleichsam auf dem Tablett serviert: Joe Biden tritt auf, als sei er schon Präsident.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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