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Parteitag der Republikaner : Trumps alternative Realität

Lässt sich als umsichtiger Krisenmanager und Frauenförderer feiern: Donald Trump mit der First Lady Melania Trump Bild: EPA

Donald Trump lässt sich beim Parteitag der Republikaner von einem kleinen Publikum als perfekter Krisenmanager bejubeln. Der dritte Tag des Konvents wird jedoch von Themen überschattet, auf die seine Kampagne nur schleppend reagieren kann.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Donald Trump hat in der Coronavirus-Krise alles richtig gemacht: Er hat beherzt die Grenzen geschlossen, als das Virus „aus China kam“, er hat eine beispiellose nationale Rettungsaktion in Gang gesetzt, er hat dafür gesorgt, dass „keine einzige Person“ ohne Beatmungsgerät blieb. In der Welt der „alternativen Fakten“ ist Trump der Held des Krisenmanagements, auch mit mehr als 170.000 Corona-Toten bislang. Sein Vizepräsident Mike Pence stimmte am Mittwoch in einer Live-Rede in die Lobeshymnen ein – auch in die, die einer Faktenprüfung nicht stand halten. In der vergangenen Woche habe der demokratische Gegenkandidat Joe Biden gesagt, dass es im Kampf gegen die Pandemie „keine Wunder“ geben werde – dabei sei Amerika ein „Land der Wunder“, empörte sich Pence.

          Pence sprach in Fort Henry in Baltimore, wo die Vereinigten Staaten einst gegen die Briten kämpften. Er akzeptierte die Nominierung für eine weitere Amtszeit als Vizepräsident – und stellte die Demokraten wie schon andere Redner vor ihm als gefährliche Sozialisten hin. Bei dieser Wahl gehe es um die Frage „ob Amerika Amerika“ bleibe. Die bittere Wahrheit sei, so Pence, dass die Bürgerinnen und Bürger in Bidens Amerika nicht mehr sicher sein könnten. Vor der historischen Kulisse traten schließlich Trump selbst und die First Lady auf, nachdem Pence seine Rede beendet hatte. Sie sprachen nicht, die beiden Ehepaare gingen aber nah an das Publikum heran und ließen sich bejubeln. Bis auf einzelne Fotografen war niemand in Sicht, der eine Maske getragen oder von den anderen Zuschauern Abstand gehalten hätte. Ganz ähnlich wie Larry Kudlow am Vortag tat Pence so, als sei das Coronavirus bereits Vergangenheit.

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          Seine Rede war der Höhepunkt des dritten Parteitagsabends. Davor stand die Veranstaltung ganz im Zeichen eines neuen Images für Donald Trump. Ein Redner nach dem anderen pries nicht nur die als Erfolge wahrgenommenen Aktionen Trumps, sondern auch seine Charakterzüge wie die vermeintliche Empathie des Präsidenten. Trumps Pressesprecherin im Weißen Haus, Kayleigh McEnany, berichtete beispielsweise, dass sie sich nach einem bedenklichen Brustkrebs-Gentest beide Brüste habe abnehmen lassen und dass Trump sie danach angerufen habe. McEnany zog daraus den nicht gerade auf der Hand liegenden Schluss, der Präsident sorge sich um Menschen mit Vorerkrankungen. Noch immer läuft die Klage der Trump-Regierung, mit der sie sich des „Affordable Care Act“ und damit zugleich der Gleichbehandlung von Menschen mit Vorerkrankungen entledigen will.

          Applaus für den Präsidenten: Trumps Vizepräsident Mike Pence (r.) tat auf der Bühne, was von ihm erwartet wurde
          Applaus für den Präsidenten: Trumps Vizepräsident Mike Pence (r.) tat auf der Bühne, was von ihm erwartet wurde : Bild: EPA

          Die vorab aufgezeichneten Reden sollten Donald Trump regelrecht „re-branden“, wie es eine Fernsehkommentatorin am Abend nannte. Ungeachtet der Fakten aus den letzten Jahren will sein Wahlkampfteam ihn als überlegten, warmherzigen Kämpfer für die Schwachen darstellen. Im vorab gefilmten Teil des Parteitages ging es auch um die Verbreiterung von Wählerschichten: Unentschlossene sollten sich ermutigt fühlen, für Trump zu stimmen. Trump spricht in letzter Zeit gezielt Frauen an. So erinnerten mehrere Rednerinnen und Redner an das hundertste Jubiläum des Frauen-Wahlrechts. Kellyanne Conway etwa, scheidende Präsidentenberaterin, sagte, Trump habe ihr dabei geholfen, im Weißen Haus eine Barriere zu durchbrechen. Ein Video feierte Trump dafür, dass er kürzlich Susan B. Anthony begnadigt hatte, die 1872 für illegales Wählen festgenommen worden war. Auch Elise Stefanik, Abgeordnete aus New York, und Familienmitglieder des Präsidenten wie seine Schwiegertochter Lara Trump wollen ihn als empathischen Frauenförderer darstellen.

          Die drängenden Themen fehlten

          Letztlich zeigte sich an diesem dritten Tag des Parteitags aber vor allem, dass aufgezeichnete Reden ein großer Nachteil sein können. Die Redner konnten nicht über den sich nähernden Hurrikan sprechen, und auch nicht über Kenosha in Wisconsin, wo ein 17-jähriger am Rande der antirassistischen Proteste zwei Menschen erschossen und einen schwer verletzt haben soll. Die Proteste waren durch den Fall Jacob Blake ausgelöst worden, einen Schwarzen, der in Kenosha wenige Tage zuvor von mehreren Polizeischüssen schwer verwundet worden war. Während der antirassistischen Proteste marschierten in der Stadt daraufhin selbst ernannte „Milizen“ gegen die „Black Lives Matter“-Bewegung auf. Unterdessen starteten die Spieler der NBA (National Basketball Association) einen historischen Streik gegen Rassismus und Polizeigewalt, der die Liga zwingt, Spiele zu verschieben.

          Auf Twitter und in amerikanischen Medien forderten zahlreiche Kommentatoren Trump und Pence dazu auf, sich auf dem Parteitag zu den Ereignissen zu verhalten. Unangenehm für die Republikaner war, dass sie zwei Tage zuvor noch Patricia und Mark McCloskey für sich hatten sprechen lassen – die Eheleute, die in St. Louis Waffen auf „Black Lives Matter“-Demonstranten gerichtet und das als „Selbstverteidigung“ gerechtfertigt hatten.

          Lediglich Mike Pence hatte bei seinem Auftritt am Mittwoch zumindest die Möglichkeit, auf die aktuellen Ereignisse zu reagieren. Pence sagte Unterstützung für Regionen zu, die der herannahende Hurrikan “Laura“ treffen wird. In Bezug auf Kenosha nutzte er seine Rede für einen abermaligen Ruf nach „Law and Order“: „Krawalle“ seien kein Protest, so der Vizepräsident. Dass Menschen sich „gegenseitig“ auf der Straße angriffen, sei nicht hinnehmbar.

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