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Wahl in Amerika : Noam Chomsky sieht tiefe Krise der Demokratie

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Wohin haben sich die Republikaner entwickelt?

Leider sind sie aus dem normalen Spektrum herausgedriftet. Sie sind im eigentlichen Sinn keine parlamentarische Partei mehr.

Wenn Sie von einer größeren Veränderung des politischen Systems sprechen - ist dann auch eine neue Partei denkbar, wenn wir zum Beispiel an die Millionen denken, die Bernie Sanders unterstützt haben? Die sind ja jetzt nicht verschwunden.

Absolut. Wenn wir eine aktive, streitbare Arbeiterbewegung in der Art hätten, wie es sie in den Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren gab, würde das wahrscheinlich Sanders-Unterstützer mit denen Trumps kurzschließen. Sie sind auf viele Weisen unterschiedlich, teilen aber im Kern dieselbe Wut über den Angriff auf die weiße Arbeiterklasse und auf die Armen. Das könnte der Anfang von etwas ganz Neuem sein.

Sogenannte dritte Parteien haben es in Amerika schwer.

Ja, Folge unseres britischen Erbes. Keine proportionale politische Repräsentation, sondern Mehrheitswahlrecht. Das macht es so schwierig.

Sie haben gesagt, Trump sei das Ergebnis einer implodierten, kollabierten Gesellschaft. Würden Sie soweit gehen, dass auch das politische System selbst zusammengebrochen ist?

Schauen Sie - man muss schon sagen, dass es in Europa eigentlich schlimmer ist. Die Demokratie hat in Europa einen entsetzlich schweren Schlag dadurch erlitten, dass die politische Entscheidungsgewalt auf die Brüsseler Bürokratie übertragen wurde. Eine schockierende Entwicklung. Die Vereinigten Staaten haben sich wegentwickelt von einer Demokratie, hin zu einer Plutokratie mit demokratischen Anhängseln. Ja, es gibt hier sehr viel Freiheit, eine sehr offene Gesellschaft, viele positive Dinge. Aber in unserem System ist die breite Mehrheit der Gesellschaft schlicht unterrepräsentiert.

Von was für einer Größenordnung sprechen Sie?

Von drei Vierteln der Gesellschaft. Ihre Repräsentanten interessieren sich überhaupt nicht für sie, vor allem für die unteren Gehaltsgruppen. Je mehr wir uns die Gehaltsskala hinaufbewegen, desto mehr Einfluss sehen wir. Bis wir dann ganz oben sind, bei dem Bruchteil des einen Prozent, das praktisch alles kontrolliert.

In der Konsequenz führt das zu Kandidaten, die historisch schlechte Umfragewerte haben.

Vorsicht, das ist irreführend. Das Gleiche gilt doch für alle Institutionen! Schauen Sie sich die Werte an für den Kongress, für Banken, für Unternehmen, für buchstäblich alles außer dem Militär, Zustimmungswerte oft im einstelligen Bereich. Die Werte für die Kandidaten sind kein Ausreißer. Sie stehen für eine große gesellschaftliche Malaise. Sie bedroht die Demokratie.

Worauf können wir hoffen?

Es gibt Auswege. Nehmen Sie das Sanders-Phänomen. Diese Leute kamen wie aus dem Nichts. Keine Unterstützung aus dem Business oder dem politischen System. Menschen, die um ökonomische und soziale Grundlagen fürchten. Eine Reaktion auf ihren Abstieg. Getragen von einer völlig unerwarteten, riesigen Sympathie und auch von der Hoffnung, dass irgendjemand neue Jobs schafft für die Vereinigten Staaten. Vergleichen Sie das mit der Zeit nach dem Krieg - solche eine Bewegung, die auf eine reformfreudige, aufgeschlossene Regierung stieß. Aus so einem Amalgam kann etwas ganz Neues entstehen. Und es kann nicht nur, es muss!

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