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F.A.Z.-Newsletter Amerika wählt : Trump-Bashing wird nicht reichen

Sleepy Joe? Biden darf sich nicht von Trump definieren lassen. Bild: dpa

Auf einem digitalen Parteitag gibt es keine Buhrufe. Umso leichter können sich die Demokraten einreden, dass sie Trump in aller Eintracht entgegentreten. Wecken sie auch genug Begeisterung für Biden?

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          Buhrufe sind viel lauter als Jubelrufe, so lautet eine Weisheit des amerikanischen Radrennsportlers Lance Armstrong. Wie wahr das ist, habe ich vor vier Jahren auf Hillary Clintons Nominierungsparteitag in Philadelphia erlebt: Sogar die Pastorin, die im Eröffnungsgebet Gott um Kraft und Gesundheit für die damalige demokratische Präsidentschaftskandidatin ersuchte, wurde damals von Bernie Sanders' Anhängern ausgebuht, denn die fühlten sich vom „Establishment“ betrogen. Da wirkte der Parteitag der Gegenseite, auf dem die Republikaner ihre feindliche Übernahme durch Donald Trump besiegelt hatten, im Rückblick wie ein harmonisches Familienfest.

          Zu gern hätte ich auch diese Woche in Milwaukee zwischen mehr als 4000 demokratischen Delegierten gestanden und den Buh-Pegel gemessen: Hat sich die immer weiter nach links gerutschte Demokraten-Basis wirklich damit arrangiert, dass ein ziemlich gestriger, ziemlich „etablierter“ weißer Mann, dessen erste glücklose Präsidentschaftskandidatur 32 Jahre zurückliegt, die Partei und das Land ins Morgen führen soll? Dass Kamala Harris, seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, zwar eine als Schwarze aufgewachsene Frau mit indischen und jamaikanischen Wurzeln ist, aber keineswegs eine radikale Polizeireformerin, sondern eine Anklägerin mit robustem Law-and-Order-Leumund? Hätten sie es sich bieten lassen, dass weder dem erklärten Sozialisten Sanders, noch der linken Senatorin Elizabeth Warren, noch dem Jungstar Alexandria Ocasio-Cortez von der Parteitagsregie echte Hauptrollen zugebilligt wurden? Wie hätten die Delegierten Hillary Clinton empfangen, die 2016 ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigte?

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          Dazu kam es nicht, denn wegen Corona blieb das dröhnende Spektakel aus, die Halle in Milwaukee ist leer, der Parteitag läuft digital – und weil eben keine Buhrufe zu hören sind, können sich die Demokraten und ihre Daumendrücker in den meisten Medien ziemlich ungestört einreden, was sie einander schon 2016 versichert hatten: Die Angst vor Donald Trump sei der Kitt, der die Demokraten zusammenhält.

          Buhrufe sind lauter als Jubelarien, das hat sich auch Barack Obama gesagt. Seine Rede am Mittwochabend fiel nicht auf wegen der Worte, mit denen sich der frühere Präsident für den Charakter seines Vizepräsidenten und Freunds Joe Biden verbürgte. Sie stach heraus, weil wohl noch nie ein ehemaliger Präsident öffentlich so hart und unerbittlich mit seinem Nachfolger ins Gericht gegangen ist. Donald Trump sei nie in sein Amt hineingewachsen, weil er schlicht nicht die Fähigkeit dazu habe, urteilte Obama und gab Trump die Schuld an Pandemie und Rezession: „Die Folgen dieses Scheiterns sind heftig: 170.000 Amerikaner sind tot. Millionen von Jobs sind weg.“ Nun versuchten Trump und dessen Leute, den Amerikanern die Demokratie zu stehlen.

          Obamas Warnung ist keineswegs unberechtigt. Wie Trump jetzt schon Zweifel am Wahlergebnis nährt, gibt Anlass zu größter Sorge. Wir müssen uns darauf einstellen, dass am Morgen nach dem 3. November keine Einigkeit darüber herrscht, wer die Wahl gewonnen hat. Wozu das dann führt, ist unabsehbar. Dennoch tun die Demokraten gut daran, sich eine andere Warnung vom Mittwochabend mindestens ebenso zu Herzen zu nehmen. Hillary Clinton hatte ihnen eingeschärft: „Denkt daran: Joe und Kamala können mit drei Millionen Stimmen Vorsprung gewinnen und doch verlieren. Mir könnt ihr es glauben.“ Was sie nicht aussprach: 2016 fehlte es im Demokraten-Lager nicht an Warnungen vor Donald Trump, es fehlte an Begeisterung für die eigene Kandidatin. Ich bin gespannt, was Joe Biden heute nacht in seiner Rede sagt, um Trump Luft aus den Segeln zu nehmen, wenn der ihn als Tattergreis „Sleepy Joe“ verunglimpft. Denn auch wenn Obama Recht hat und Trump sehr vieles offenkundig nicht kann: Im Branding ist er ein Meister.

          Und was sagen die Umfragen? Die Demoskopen bescheinigen Joe Biden nach wie vor einen deutlichen Vorsprung vor Trump. Nach dem vom Portal Realclearpolitics berechneten Umfragendurchschnitt würden 49,9 Prozent der Wähler Biden und 42,3 Prozent Trump wählen. Allerdings war Bidens Vorsprung schon größer, und auch die Zustimmungswerte zu Trumps Amtsführung haben sich leicht verbessert, seitdem er mehr über angeblich unvermeidliche Wahlfälschungen der Demokraten redet und etwas weniger offensichtlichen Unsinn über die Corona-Pandemie verbreitet.

          Meinungsforscher raten davon ab, die Umfragen der kommenden Wochen allzu ernst zu nehmen – die Parteitage verursachen zwar oft größere Ausschläge, doch die Wirkung pflegt nach einigen Wochen zu verpuffen. Auf einem Vorsprung in den nationalen Umfragen darf Biden sich ohnehin nicht ausruhen, siehe Hillary Clintons Warnung: Sie erhielt 2016 knapp 2,9 Millionen Stimmen mehr als Trump, aber das reichte im entscheidenden „electoral college“ nur für 232 der 538 Wahlleute.

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