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Milo Yiannopoulos : Zeremonienmeister des Hasses

Milo Yiannopoulos Bild: AFP

Gegen Flüchtlinge, gegen Feminismus, gegen die „Meinungsdiktatur“: Milo Yiannopoulos ist die Ikone des rechtskonservativen Meinungsportals Breitbart, das Trump im Wahlkampf massiv unterstützt. Dahinter steckt eine Bewegung, die Amerikas Gesellschaft spalten will.

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          Als der Meister in Ohio wieder einmal zu seinen Jüngern spricht, ist schon nach wenigen Minuten klar, wer für das Übel der Welt verantwortlich ist: die Gutmenschen, die Feministen, der Islam, die ewig verständnisvollen Weicheier. Und: Hillary Clinton.

          Oliver Georgi

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Es ist Freitagabend an der Ohio State University in Columbus, die republikanische Hochschulgruppe hat den neuen Star des rechtskonservativen Nachrichtenportals Breitbart eingeladen, um Stimmung gegen die Demokratin und Werbung für Donald Trump zu machen. Also beschimpft Milo Yiannopoulos auf der Bühne jetzt Clinton, macht sich lustig über ihre E-Mail-Affäre, ihren Reichtum, ihr „teuflisches Lachen“, ihr „betrügerisches Gesicht“.

          „Clinton ist eine Kriegshetzerin und die ultimative Heulsuse“, ruft der junge Brite, und seine Zuhörer, die meisten unter ihnen Studenten, johlen vor Vergnügen. Wenn Clinton Präsident werde, werde Amerika von „Wirtschaftsmigranten überschwemmt“ wie Deutschland und Schweden, das durch die Flüchtlinge zur „Vergewaltigungs-Zentrale Europas“ geworden sei, sagt Yiannopoulos. Wieder Johlen, das sich nur noch steigert, als er die ultimative Lösung für den drohenden Untergang des Abendlandes präsentiert: Donald Trump, den er, nur halb ironisch, „Daddy“ nennt, den „wundervollsten Präsidentschaftskandidaten, den es je gegeben hat“. „Ich gehe davon aus, dass alle hier im Saal Trump wählen“, ruft er. „Eine andere Alternative gibt es nicht.“

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          Die Welt des Milo Yiannopoulos, ein schwuler Katholik, ist so klar umgrenzt wie seine Feindbilder: Toleranz ist ein Zeichen von Schwäche, Gleichberechtigung Selbstbetrug, political correctness eine absurde Einschränkung der Meinungsfreiheit, der man allein mit größtmöglicher Provokation und viriler Manneskraft begegnen kann. Früher schrieb der 32-Jährige, der in Griechenland geboren und in Großbritannien aufgewachsen ist, für britische Zeitungen über Technologie, später gründete er das Online-Magazin „The Kernel“, veröffentlichte Meinungsbeiträge in verschiedenen Medien und begann im Fernsehen aufzutreten. Schon damals bezeichnete er sich als „Kulturlibertären“ und „Fundamentalisten für die freie Rede“, der gegen die „autoritären“ Ideologien der „regressiven Linken“ kämpfte und immer häufiger durch Skandale von sich reden machte, weil er öffentlich gegen Frauenrechte eintrat. 

          So wurde Yiannopoulos bald zu einer Ikone all derjenigen, die eine „Meinungsdiktatur“ des „linksliberalen Mainstreams“ am Werk sahen - spätestens das machte ihn für das rechtskonservative amerikanische Nachrichten- und Meinungsportal Breitbart News interessant. Im August 2015 verkündete Breitbart-Chefredakteur Stephen Bannon, der seit August 2016 die Wahlkampagne von Donald Trump leitet, Yiannopoulos werde Breitbarts neuer Verantwortlicher für die „Technologie-Seiten“. In diesem Bereich werde es um die Meinungsfreiheit gehen, sagte Bannon - „und um die Dinge, die die Leute wirklich interessieren: Freiheit, freie Rede, Liebe, Sex, Tod, Geld und Pornos“.

          Seit seinem Engagement als prominenter Autor bei Breitbart News, das Trump im Wahlkampf massiv unterstützt und noch dessen unflätigsten Tiraden verteidigt, macht Yiannopoulos offen Wahlkampf für den Republikaner, indem er mit größtmöglicher Provokationswirkung wie eine Echokammer die Ängste verstärkt, die dieser schürt - vor allem, was das Thema Einwanderung betrifft.

          Umfragen

          Vor kurzem badete Yiannopoulos in einer Kunstausstellung von New Yorker Hippstern mit ein paar anderen Schwulen in einer Wanne voller Schweineblut - nur bekleidet mit einer „Make America Great again“-Kappe. Das Blut, erklärte Yiannopolous, stamme von unschuldigen Menschen, die von illegalen Einwanderern getötet worden seien. Die Installation sei eine „Warnung aus Europa". Vor einigen Tagen dann veröffentlichte er ein Pro-Trump-Video, in dem er eine Regenbogenflagge verbrannte. Die „rückständige Linke“ sei die größte Gefahr für das Wohlergehen schwuler Menschen und jeder anderen Minderheit in Amerika, weil sie Muslime nach Amerika „importieren“ wolle. Das setze die Minderheiten einem „erheblichen Risiko“ aus, sagt er in dem Video. „Europa macht das gerade durch. Bitte macht unseren Fehler nicht.“ Das Video endet mit den Worten: „Wählt Donald Trump. Bevor es zu spät ist.“ Yiannopoulos nutzt seine eigene Homosexualität gleichsam als Leumund für Toleranz, der seine Intoleranz legitimiert.  

          Damit ist Yiannopoulos zugleich zu einer Speerspitze der „Alt(ernative)-Right“-Bewegung in Amerika geworden, einem Sammelbecken von Libertären, vom politischen Establishment Enttäuschten, weißen Nationalisten, teils sogar offen Rechtsradikalen. Sie lieben Yiannopoulos, weil er vorgeblich die „Diktatur der Gutmenschen“ beendet - Yiannopoulos selbst bezeichnet sich als Unterstützer der Bewegung. In seinen Shows, mit denen der Brite seit geraumer Zeit durch die Lande zieht und die Titel wie „Dangerous Faggot“, gefährliche Schwuchtel, oder „Tough love“, liebevolle Strenge, tragen, beschimpft Yiannopoulos Transsexuelle als psychisch kranke „Transen“ und Feminismus als Krebsgeschwür, hetzt gegen den Islam, macht sich über Einwanderer und gleichberechtigte Frauen lustig.

          Im Juli wurde sein Twitter-Account dauerhaft geschlossen, weil er auf Twitter die afroamerikanische Schauspielerin Leslie Jones, eine der Hauptdarstellerinnen des „Ghostbusters“-Remakes, angegriffen hatte. Yiannopoulos schrieb, diese spiele sich als Opfer auf, nur weil ihr Film gefloppt sei - Jones erhielt daraufhin rassistische Drohungen. Indem er unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung jedes Tabu durchbricht, atomisiert Yiannopoulos jegliche Kategorien von Moral, weil er letztlich das herrschende „System“, auch das moralische, zerstören will. Die entstehende Leere füllt er mit seinem nihilistischen Zynismus, der letztlich der Wegbereiter für eine rassistische, frauenfeindliche Ideologie der weißen Vorherrschaft ist.

          Nicht trotz, sondern wegen dieser kontroversen Haltung ist Yiannopoulos im Internet mittlerweile ein Star; sein Youtube-Kanal, auf dem seine Shows live übertragen werden, hat mehr als eine Viertelmillion Abonnenten. Für seine Fans ist der Brite so etwas wie der Zeremonienmeister des fortgesetzten Tabubruchs, der Trumps politische Entgleisungen in eine nur scheinbar ironische Popkultur übersetzt, ohne dass diese dadurch an ideologischer Schärfe verlieren würde. Damit trivialisiert Yiannopoulos Politik - und bildet zugleich einen quasi-intellektuellen Unterbau für die mitunter kindliche Impulsivität der Reality-TV-Figur Trump, die für sich genommen manche vor allem im studentischen Milieu abschreckt.

          Wenn man sie vor Yiannopoulos' Auftritt in Colombus auf der Straße fragte, ob sie Trump unterstützen, stimmten manche Zuhörer am Freitagabend nur verhalten zu. Als Yiannopoulos sie später während der Show mit größtmöglichem Skandalpopanz dazu aufforderte, für den Republikaner zu stimmen, um dem Establishment und der Meinungsdiktatur der Gutmenschen ein Ende zu bereiten, schrien sie plötzlich begeistert „ja“.

          Kurz darauf sprach Yiannopoulos von den neuen Tugenden, die Donald Trump Amerika zurückgeben werde. Auf der Leinwand hinter ihm wurden Bilder von Steve McQueen und Clint Eastwood gezeigt, von echten amerikanischen Kerlen mit echten Waffen aus einer Zeit, in denen starke weiße Männer den amerikanischen Traum zumindest in Filmen noch weitgehend unter sich ausmachten. „Daddy wird Amerika Stärke, Tapferkeit und Männlichkeit zurückgeben“, sagte Yiannopoulos dann ohne jede Ironie, und auch im Publikum lachte plötzlich niemand mehr. „Wir haben genug von dem ganzen Gerede über Sicherheit, genug von verletzten Gefühlen, genug von der Rumheulerei. Diese Wahl ist ein Aufstand gegen die politischere Maschinerie, gegen das Establishment. Das ist eine wunderbare Sache.“

          Wieder jubelte der Saal. Und erst dann, mit viel Vorlauf, säte Yiannopoulos die Saat, die vielleicht die wichtigste seines ganzen Abends war: „Maybe it's time to make America hate again.“

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