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Milo Yiannopoulos : Zeremonienmeister des Hasses

Damit ist Yiannopoulos zugleich zu einer Speerspitze der „Alt(ernative)-Right“-Bewegung in Amerika geworden, einem Sammelbecken von Libertären, vom politischen Establishment Enttäuschten, weißen Nationalisten, teils sogar offen Rechtsradikalen. Sie lieben Yiannopoulos, weil er vorgeblich die „Diktatur der Gutmenschen“ beendet - Yiannopoulos selbst bezeichnet sich als Unterstützer der Bewegung. In seinen Shows, mit denen der Brite seit geraumer Zeit durch die Lande zieht und die Titel wie „Dangerous Faggot“, gefährliche Schwuchtel, oder „Tough love“, liebevolle Strenge, tragen, beschimpft Yiannopoulos Transsexuelle als psychisch kranke „Transen“ und Feminismus als Krebsgeschwür, hetzt gegen den Islam, macht sich über Einwanderer und gleichberechtigte Frauen lustig.

Im Juli wurde sein Twitter-Account dauerhaft geschlossen, weil er auf Twitter die afroamerikanische Schauspielerin Leslie Jones, eine der Hauptdarstellerinnen des „Ghostbusters“-Remakes, angegriffen hatte. Yiannopoulos schrieb, diese spiele sich als Opfer auf, nur weil ihr Film gefloppt sei - Jones erhielt daraufhin rassistische Drohungen. Indem er unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung jedes Tabu durchbricht, atomisiert Yiannopoulos jegliche Kategorien von Moral, weil er letztlich das herrschende „System“, auch das moralische, zerstören will. Die entstehende Leere füllt er mit seinem nihilistischen Zynismus, der letztlich der Wegbereiter für eine rassistische, frauenfeindliche Ideologie der weißen Vorherrschaft ist.

Nicht trotz, sondern wegen dieser kontroversen Haltung ist Yiannopoulos im Internet mittlerweile ein Star; sein Youtube-Kanal, auf dem seine Shows live übertragen werden, hat mehr als eine Viertelmillion Abonnenten. Für seine Fans ist der Brite so etwas wie der Zeremonienmeister des fortgesetzten Tabubruchs, der Trumps politische Entgleisungen in eine nur scheinbar ironische Popkultur übersetzt, ohne dass diese dadurch an ideologischer Schärfe verlieren würde. Damit trivialisiert Yiannopoulos Politik - und bildet zugleich einen quasi-intellektuellen Unterbau für die mitunter kindliche Impulsivität der Reality-TV-Figur Trump, die für sich genommen manche vor allem im studentischen Milieu abschreckt.

Wenn man sie vor Yiannopoulos' Auftritt in Colombus auf der Straße fragte, ob sie Trump unterstützen, stimmten manche Zuhörer am Freitagabend nur verhalten zu. Als Yiannopoulos sie später während der Show mit größtmöglichem Skandalpopanz dazu aufforderte, für den Republikaner zu stimmen, um dem Establishment und der Meinungsdiktatur der Gutmenschen ein Ende zu bereiten, schrien sie plötzlich begeistert „ja“.

Kurz darauf sprach Yiannopoulos von den neuen Tugenden, die Donald Trump Amerika zurückgeben werde. Auf der Leinwand hinter ihm wurden Bilder von Steve McQueen und Clint Eastwood gezeigt, von echten amerikanischen Kerlen mit echten Waffen aus einer Zeit, in denen starke weiße Männer den amerikanischen Traum zumindest in Filmen noch weitgehend unter sich ausmachten. „Daddy wird Amerika Stärke, Tapferkeit und Männlichkeit zurückgeben“, sagte Yiannopoulos dann ohne jede Ironie, und auch im Publikum lachte plötzlich niemand mehr. „Wir haben genug von dem ganzen Gerede über Sicherheit, genug von verletzten Gefühlen, genug von der Rumheulerei. Diese Wahl ist ein Aufstand gegen die politischere Maschinerie, gegen das Establishment. Das ist eine wunderbare Sache.“

Wieder jubelte der Saal. Und erst dann, mit viel Vorlauf, säte Yiannopoulos die Saat, die vielleicht die wichtigste seines ganzen Abends war: „Maybe it's time to make America hate again.“

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