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Attacken von Trump : Der Präsident schlägt um sich

  • -Aktualisiert am

Immer unter Strom: Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Prescott, Arizona, am Montag Bild: AFP

Zwei Wochen vor der Wahl ist Donald Trump dauerhaft im Angriffsmodus. Jüngstes Opfer war der Immunologe Fauci. Doch der Präsident schneidet sich damit ins eigene Fleisch.

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          Inzwischen herrscht nur noch Ratlosigkeit im Umfeld Donald Trumps. Nach Berichten über Differenzen zwischen dem Wahlkampfteam, der republikanischen Parteiorganisation RNC und den Beratern des Präsidenten im Weißen Haus, hatte man sich gerade zu einer gemeinsamen Presseunterrichtung entschlossen. Die Botschaft: Alles laufe gut. Man möge doch nur auf die Zahlen der Wählerregistrierung achten. In den umkämpften Bundesstaaten holten die Republikaner kräftig auf. Der Präsident sei sehr zuversichtlich. Kein Wort über den Ärger über Trumps Disziplinlosigkeit in Sachen Kommunikation.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Kurz darauf legte der Präsident nach. Am Wochenende hatte er seine Anhänger auf einer Kundgebung in Michigan dazu angestachelt, die Verhaftung der demokratischen Gouverneurin Gretchen Whitmer, gegen die Milizen kürzlich einen Terroranschlag geplant hatten, zu verlangen. Nun nahm er sich Anthony Fauci vor. In einer Telefonkonferenz sagte er über den obersten Immunologen des Landes: „Wenn er im Fernsehen auftritt, gibt es immer eine Bombe, aber es gibt eine größere Bombe, wenn man ihn feuert. Der Typ ist eine Katastrophe.“ Sodann: „Die Leute haben es satt, Fauci und diese Idioten zu hören, all diese Idioten, die Fehler gemacht haben.“ Wenn er auf Fauci, das Mitglied seines Pandemie-Krisenstabes gehört hätte, „hätten wir 500.000 Tote“.

          Fauci wollte nicht Teil des Wahlkampfs sein

          Nun muss man wissen, dass Trumps Kampagnenteam kürzlich einen öffentlichen Auftritt des Direktors des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten gegen dessen Willen in einen Wahlkampfspot geschnitten hatte. Das hatte Fauci, der ein ausgeglichenes Temperament besitzt, erbost: Das sei gegen seinen Willen geschehen. Zudem sei die Sequenz aus dem Zusammenhang gerissen worden – und überhaupt: Er sei Wissenschaftler und habe noch nie für einen Präsidenten geworben. Trumps Leute glaubten offenbar, das vermeintliche Lob Faucis für Trump werde im Schlussspurt des Wahlkampfs helfen. Demokraten verehren den Mann mit dem freundlichen Lächeln und der rauen Stimme – und selbst unter Republikanern verfügt er über Autorität. Jedenfalls bei Senioren und bei den jungen, weißen Frauen in den Vororten. Zwei Wählergruppen also, bei denen Trump dringend zulegen muss, will er Joe Bidens Umfragevorsprung in den umkämpften Bundesstaaten aufholen.

          Im Kongress und im RNC dringt man seit Tagen darauf, dass Trump seinen Tonfall mildert, möglichst wenig über die Corona-Krise sagt und sich auf die Bilanz seines demokratischen Herausforderer konzentriert. Trump lässt sich aber bekanntlich nicht zähmen, zumal, wenn er sich provoziert fühlt. Dieser Tage sagte Fauci, als er Trump bei der Präsentation seiner Kandidatin für den Supreme Court im Rosengarten des Weißen Hauses gesehen habe, habe er gewusst: Das könne nicht gut enden. Und so sei es dann ja auch gekommen: Die Veranstaltung habe sich als „Superspreading-Event“ erwiesen. Es habe ihn „absolut nicht“ überrascht, dass der Präsident sich infiziert habe.

          Trump muss die Äußerung als Angriff aus dem Hinterhalt empfunden haben. Er unterstellt dem New Yorker ohnehin, ein U-Boot der Demokraten zu sein. Im Mai hatte er vor, den Corona-Krisenstab aufzulösen, schließlich sprach er da bereits in der Vergangenheitsform über die Pandemie. Wegen des öffentlichen Protests revidierte Trump seine Entscheidung. Doch Fauci wird faktisch nicht mehr zu Rate gezogen. Und Deborah Birx, die Leiterin des Krisenstabes, soll sich intern darüber beklagt haben, dass Trump nun Scott Atlas zum Berater gemacht habe – einen Arzt, der kürzlich die Sinnhaftigkeit des Maskentragens bezweifelte.

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          Mitch McConnell, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, hatte schon vor einiger Zeit deutlich gemacht, dass er die Corona-Politik des Präsidenten für verantwortungslos hält. Nachdem Senator Ben Sasse kürzlich heftige Worte für Trump gefunden hatte, gehen immer mehr Republikaner auf Distanz. Zwei Wochen vor dem Wahltermin meidet man aber ein öffentliches Hauen und Stechen. Selbst Sasse beließ es bei seinen Äußerungen während einer Telefonkonferenz mit Wählern und verzichtete darauf, seine Vorwürfe im Fernsehen zu wiederholen. Lamar Alexander, der republikanische Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Senat, teilte mit, Fauci sei einer der angesehensten Beamten überhaupt und habe unter sechs Präsidenten gearbeitet. „Wenn mehr Amerikaner auf seinen Rat hören würden, hätten wir weniger Fälle von Covid-19.“ Den Namen Trump erwähnte er in dem Tweet nicht. Selbst Leute, die sonst üblicherweise versuchen, das Verhalten des Präsidenten nachträglich zu rationalisieren, geben nun hinter vorgehaltener Hand zu erkennen, dass nichts mehr Sinn ergebe.

          Niederlage in Pennsylvania

          Trump hat schon sein nächstes Opfer im Visier: Chief Justice John Roberts. Der Supreme Court habe ein „lächerliches Urteil“ gefällt, schimpfte er am Dienstag. Der Präsident des Verfassungsgerichts hatte mit drei liberalen Richtern ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Pennsylvanias bestätigt. Durch das Patt im Supreme Court hat das vorherige Urteil Bestand. Folglich werden in der Präsidentenwahl im umkämpften Pennsylvania auch Stimmzettel von Briefwählern gezählt, die bis zu drei Tage nach der Wahl am 3. November eingehen. Die Republikaner waren gegen eine Fristverlängerung. Sie sahen darin einen Verstoß gegen ein Bundesgesetz, das als Wahltermin den Dienstag nach dem ersten Montag im November ansetzt. Da mehr Demokraten als Republikaner wegen der Pandemie von der Briefwahl Gebrauch machen, betrachtet Trump das Urteil als Wahlkampfhilfe für die Gegenseite.

          Überhaupt sieht Trump sich von Gegnern umgeben: Die „Commission on Presidential Debates“, der Ausrichter der Fernsehdebatten, hat für das zweite und letzte Duell am Donnerstag die Regeln geändert: Wenn einer der beiden Kandidaten eine zwei Minuten lange Antwort zu Debattenthemen präsentiere, werde das Mikrofon des anderen abgestellt.

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