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Auftritt im Pence-Harris-Duell : Kann eine Fliege die Wahl entscheiden?

In der TV-Debatte zwischen Mike Pence und Kamala Harris setzte sich eine Fliege minutenlang auf den Kopf des Vize-Präsidenten. Bild: dpa

Millionen sahen zu, als ein Insekt auf der Stirn des amerikanischen Vizepräsidenten landete. Könnte so etwas die Wahl beeinflussen? Diese Frage beschäftigte einen Professor schon vor Jahren. Ein Interview.

          2 Min.

          Herr Menzel, beim Fernsehduell von Kamala Harris und Mike Pence landete am Mittwoch eine Fliege auf dem Kopf des amerikanischen Vizepräsidenten. Was haben Sie gedacht, als Sie das Insekt gesehen haben?

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Ich habe mir die Debatte erst im Nachhinein angeschaut und kannte die Reaktionen schon. Aber die Fliege kam mir bekannt vor. Die Situation hat mich an meine Vorlesung erinnert, die ich 2009 als Doktorand am Massachusetts Institute for Technology gehalten habe. Das Beispiel hatte ich damals gewählt, um mit meinen Studierenden eine statistische Frage zu diskutieren.

          Sie haben die Fliege schon vor elf Jahren in einer Debatte der amerikanischen Präsidentschaftswahlen umherschwirren sehen?

          Es war ein anschaulicher Fall, um das Gesetz der großen Zahl zu diskutieren.

          Was hatte das mit dem Präsidentschaftswahlkampf zu tun?

          Wir sprachen über die Annahme, dass die meisten Wähler uninformiert sind und sich gleichmäßig auf die Kandidaten verteilen. Und dass die wenigen Informierten das Zünglein an der Waage sind, die mit großer Wahrscheinlichkeit die Wahl dann auch entscheiden. Die Fliege auf dem Kopf war ein Gegenbeispiel dazu. Ein Signal, das von allen uninformierten Wählern gesehen wird. Und das unter Umständen die Wahl entscheiden kann, völlig unabhängig von der Qualifikation der Person.

          So etwas hat es in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaftswahlen ja durchaus schon mal gegeben.

          Richtig. In der ersten amerikanischen Fernsehdebatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Damals verlor Nixon Sympathiepunkte, weil er so stark geschwitzt hatte.

          Konrad Menzel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Universität New York.
          Konrad Menzel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Universität New York. : Bild: New York University, Department of Economic

          Wie hat die Fliege in Ihrem Beispiel die Meinung der Zuschauer beeinflusst?

          Bei den Informierten machte sie keinen Unterschied. Bei den Uninformierten mitteln sich solche im Normalfall auch aus. Aber es kann auch passieren, dass die Fliege bei mehr uninformierten Wählern als Malus wahrgenommen wird. So war es in meinem Beispiel. Ein Drittel der Uninformierten stimmte am Ende nur noch für den Kandidaten mit der Fliege, zwei Drittel für den Kandidaten ohne Fliege. Und wenn so etwas passiert, dann kann die Fliege den Wahlausgang entscheiden.

          Woran liegt es, dass die Fliege als Malus wahrgenommen wird?

          Das ist rein hypothetisch. Meine Studenten haben mir das damals auch nicht abgenommen. Und wahrscheinlich wird die Fliege auch dieses Mal keinen großen Einfluss haben. Denn ob informiert oder nicht: Die meisten amerikanischen Wähler haben schon eine klare Vorstellung, hinter welchem Kandidaten sie stehen. Aber als Rechenbeispiel bleibt die Fliege interessant.

          Sie beschäftigen sich andauernd mit Statistiken. 2016 wurde Donald Trump Präsident, obwohl Hillary Clinton haushoch favorisiert wurde. Rechnen Sie 2020 mit ähnlichen Überraschungen?

          Wir können immer überrascht werden. Alle Wahlprognosen spiegeln Wahrscheinlichkeiten wider. Und so lange die Wahrscheinlichkeit einer Überraschung nicht null ist, kann sie eintreten. Es ist viel darüber geschrieben worden, warum die Vorhersagen damals daneben lagen. Sie waren nicht dramatisch falsch, aber in entscheidenden Dingen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Und zwar?

          Vor vier Jahren bestand die Überraschung darin, dass viele Wähler, die selten gewählt haben, beim Ausgang eine entscheidende Rolle spielten. Gerade mit einem geringen Bildungsniveau. Die Modelle der Forscher haben das unterschätzt.

          Aber dieser Faktor dürfte doch inzwischen berücksichtigt werden, oder etwas nicht?

          Doch. Aber es gibt andere Gründe, die uns wieder überraschen könnten. Das Format hat sich zum Beispiel verändert. Die Briefwahl spielt als Reaktion auf Corona eine viel größere Rolle.

          Wie stark fiebern Sie dem Ergebnis entgegen?

          Ich versuche möglichst, meinen Internet-Browser geschlossen zu halten. Nicht nur bis zum 3. November, sondern wahrscheinlich noch die ganze Woche danach, bis die gesamten Briefwahlstimmen ausgezählt sind. Ich hoffe einfach, dass es kein zu großes Chaos nach der Wahl geben wird.

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