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Nordkorea locken und schocken : Geht Trumps Deal-Strategie auf?

  • -Aktualisiert am

Donald Trump Bild: AP

Präsident Donald Trump betreibt eine selbstgefällige Außenpolitik. Sein Verhandlungsstil beeindruckt vielleicht die Europäer – aber nicht Nordkorea.

          3 Min.

          In der kommenden Woche also treffen sich Donald Trump und Kim Jong-un. Nach intensivem Erwartungsmanagement lässt sich der Ertrag schon jetzt abschätzen: kaum konkrete Zugeständnisse, viele großzügige Gesten. Nordkoreas Diktator wollte immer schon „auf Augenhöhe“ mit Amerikas Präsidenten verkehren. Und Trump möchte nicht noch einmal von „maximalem Druck“ reden, um den „wunderbaren Dialog“ mit Kim nicht zu gefährden. Schon vor Wochen hatte das Weiße Haus eine Münze prägen lassen, um Trumps „Friedensgespräche“ mit dem „Obersten Führer“ Kim zu feiern.

          Vor dem „kleinen Raketenmann“ trifft Trump noch Amerikas wichtigste Partner. Beim G-7-Gipfel in Kanada dürfte es aber nicht halb so herzlich zugehen. Die sechs „Freunde“ verzweifeln über Trumps Zoll-, Iran- und Klimapolitik. Seine Missachtung ihrer Argumente empfinden viele als Kränkung. Doch Trump eröffnet munter neue Fronten. In seinem Business-Bestseller „The Art of the Deal“ hatte er vor drei Dekaden geschrieben: „Ich jongliere stets mit vielen Bällen, denn die meisten Deals fallen flach, wie vielversprechend sie auch aussehen mochten.“ Mit den Rezepten des Immobilienmoguls kocht Trump jetzt als Staatsmann. Er rechnet sich eine umso größere Chance auf einen Erfolg aus, je mehr Konflikte er anheizt.

          Trump untergräbt auch Amerikas Interessen

          Besonders eifrig verkaufen Trumps Leute die Nordkorea-Politik als Beleg für sein Genie. Nach dem in Reality-TV-Manier inszenierten Hin und Her gilt nun schon als Großtat, dass das Gipfeltreffen überhaupt stattfindet. Der Präsident bricht mit Normen und Traditionen, um seine Verhandlungspartner zu verunsichern. „Manchmal zahlt es sich aus, etwas wild zu sein“, schrieb er 1987 in seinem Buch. Er erhöht den Einsatz, indem er zig Forderungen zusammenrührt, von der Handels- über die Verteidigungs- bis zur Nahostpolitik. „Ich ziele sehr hoch“, schrieb Trump in „The Art of the Deal“. „Manchmal begnüge ich mich mit weniger, aber meistens kriege ich, was ich will.“ Dafür lässt der Präsident den gewaltigen amerikanischen Apparat aus Diplomaten und Unterhändlern links liegen. Er zieht eine selbstgefällige Schock- und Lockpolitik auf höchster Ebene vor.

          Tatsächlich ist in der Nordkorea-Politik mehr Bewegung denn je. Ob Kim Jong-un vor dem „Feuer und Zorn“ speienden Unberechenbaren im Weißen Haus erzittert oder ob er in dem kenntnisarmen Narzissten Trump eher eine einmalige Chance erkennt, die Amerikaner am Nasenring durch die Manege zu ziehen, steht allerdings dahin. Von Nordkoreas angeblicher Bereitschaft, einen Tausch aller Atomwaffen gegen einen behüteten Platz in der sogenannten Weltgemeinschaft zu erwägen, sprechen bisher nur Trumps Leute. Die Forderung nach „totaler Denuklearisierung“ ist berechtigt, taugt aber nicht für Kompromisse. Wollte sich Trump am Ende auch hier mit „weniger“ begnügen, dann bliebe nur noch ein Pakt nach Art des Iran-Abkommens – jener Vereinbarung, von der Trump hofft, er habe ihr den Todesstoß versetzt. Da Nordkorea schon Dutzende Atombomben besitzt, sein Programm seit Jahrzehnten entwickelt und das Land auch gegen Spione erfolgreich abgeschottet hat, wäre ein solcher Ansatz allerdings viel riskanter als in Iran.

          Leider hat Trump an anderen Fronten bessere Aussichten, sich mit Störmanövern und Drohgebärden kurzfristig durchzusetzen. Es ist fraglich, ob die zerstrittene EU ihre Weigerung durchhält, mit aufgesetzter Pistole Verhandlungen über Zölle zu führen. Auch die Konstruktion, mit der Europäer, Chinesen und Russen das Iran-Abkommen retten wollen, ähnelt einem Kartenhaus, das Trump wegpusten könnte, wenn er nur tief genug Luft holt. Seine Zweifel an der Nato-Beistandsverpflichtung hat der Oberbefehlshaber der Vormacht zwar lange nicht mehr ausgesprochen. Sie lassen sich aber nicht ungesagt machen. So hat er Amerikas größtes Zuckerbrot, das Schutzversprechen, in eine Peitsche verwandelt.

          Doch Trump untergräbt dadurch auch Amerikas langfristige Interessen und seine eigenen Ziele. Indem er immer neue Drohungen draufsattelt, also etwa inmitten des Stahlstreits hohe Autozölle vorbereiten lässt, signalisiert er, dass sich Zugeständnisse gar nicht lohnen. In der deutschen Regierung wird schon argumentiert, dass selbst zusätzliche Verteidigungsausgaben von Dutzenden Milliarden Euro, um den Wehretat auf 1,5 statt 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen, Trump nicht befriedigen würden. Schließlich gibt der inzwischen vier Prozent als Zielmarke aus. Auch Kim Jong-un dürfte aus der Launenhaftigkeit Trumps nicht schließen, dass dessen Schutzgarantie eine zuverlässigere Lebensversicherung böte als ein gut sortiertes Atomarsenal.

          Diplomatie verlangt einen langen Atem. In Demokratien müssen Werte und Prinzipien für Kontinuität bürgen. Sonst verrinnt alles Vertrauen. Trump will das nicht wahrhaben, selbst wenn ihn sein Küsschen-Kumpel Emmanuel Macron vor einem Rückfall in die dreißiger Jahre warnt. „Ich versuche, aus der Vergangenheit zu lernen“, hatte Trump in „The Art of the Deal“ zwar geschrieben. „Aber ich plane für die Zukunft, indem ich mich ausschließlich auf die Gegenwart konzentriere. Denn das ist der ganze Spaß.“

          Andreas Ross
          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

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