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Europas Rolle im amerikanischen Wahlkampf : Ende der Kindheit

200.000 Menschen kamen 2008 zur Berliner Siegessäule, um Obama zu sehen - 2012 ist Amerika wieder weit weg. Bild: REUTERS

Nur in einer Hinsicht spielte Europa im amerikanischen Wahlkampf eine Rolle: Obama befürchtete, dass ein Erdbeben an den Märkten wegen Griechenland die Wallstreet erschüttern könnte. Die EU nahm Rücksicht; der Troika-Bericht wird erst nach der Wahl präsentiert.

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          Als Barack Obama vor vier Jahren nach Berlin kam, pilgerten zweihunderttausend Menschen zur Siegessäule. Nie hatte ein Politiker nach 1945 solche Massen angezogen, nie war ein Ausländer so enthusiastisch gefeiert worden. Die Obamanie schwappte in jenem Sommer über den Atlantik, Leitartikler legten sich für den schwarzen Hoffnungsträger ins Zeug, Zeitungen sprachen Wahlempfehlungen aus. Es schien, als wäre Deutschland zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten geworden. Nicht wenige wünschten sich offene Vorwahlen oder einen direkt gewählten Präsidenten, am besten natürlich einen jungen und rhetorisch begabten.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          In diesem Jahr füllen die Köpfe der Kandidaten hierzulande keine Titelseiten. Die Euro-Krise ist den Bürgern näher als der Wahlkampf in Ohio. Nur wenige werden sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch vor den Fernseher klemmen, um live zu verfolgen, wer welchen Bundesstaat erobert. Amerika ist wieder weit weg.

          Troika-Bericht erst nach der Präsidentenwahl

          Das mag manche Transatlantiker betrüben. Wer in der permanenten Furcht lebt, Amerika blicke nur noch nach Westen, Richtung Pazifik, darf sich bestätigt fühlen: Wenn Obama und Romney um Dinge außerhalb ihres Landes rangen, dann ging es um China und Russland. Europa kam in ihrem Fernsehduell zur Außenpolitik mit keinem Wort vor, die Nato auch nicht, nicht einmal der globale Klimawandel. Nur in einer Hinsicht spielte Europa in den vergangenen Wochen eine Rolle: Der Präsident und seine Berater waren in heller Aufregung, dass es in Brüssel ein Erdbeben wegen Griechenland geben würde und eine Tsunamiwelle auf die Finanzmärkte an der Ostküste zurollt. Die EU nahm Rücksicht; der Troika-Bericht zu Athen wird erst nach der Präsidentenwahl präsentiert.

          Doch bevor das verschmähte Europa in Trübsal versinkt: es gibt keinen Grund dazu. Die Zeit, da amerikanische Präsidenten ihre Sympathie nach alten und neuen Europäern aufteilten, ist längst vorbei. In Washington sitzen nur noch wenige, die ein geeintes und stärkeres Europa für eine Katastrophe halten. Dass Nato und EU enger zusammenarbeiten, sehnen die meisten sogar herbei. Sowohl Obama als auch Romney wollen, dass die Alte Welt mehr Verantwortung übernimmt: für sich selbst und für ihre Nachbarschaft am Mittelmeer, aber auch für die Stabilität des globalen Finanzsystems. Weil sie darüber einig sind, spielte es in ihren Debatten keine Rolle.

          Wenn es nach der deutschen Bevölkerung geht, würde Barack Obama nach der Wahl am kommenden Dienstag weiter regieren. Für 80 Prozent der Deutschen ist Obama der Wunschkandidat - Mitt Romney nur für 3 Prozent. Jeder Zweite ist zudem der Überzeugung, dass es für Deutschland wichtig ist, wer die Wahl gewinnt. In dieser Gruppe halten 88 Prozent Barack Obama für den günstigeren Kandidaten. Bilderstrecke
          Wenn es nach der deutschen Bevölkerung geht, würde Barack Obama nach der Wahl am kommenden Dienstag weiter regieren. Für 80 Prozent der Deutschen ist Obama der Wunschkandidat - Mitt Romney nur für 3 Prozent. Jeder Zweite ist zudem der Überzeugung, dass es für Deutschland wichtig ist, wer die Wahl gewinnt. In dieser Gruppe halten 88 Prozent Barack Obama für den günstigeren Kandidaten. :

          In Wahrheit bildete der Wahlkampf nur eine veränderte Wirklichkeit ab. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben den Appetit darauf verloren, sich um alle Probleme in der Welt selbst zu kümmern. Ihnen fehlen bei 16 Billionen Dollar Schulden die Mittel dafür und bei 12 Millionen Arbeitslosen auch der politische Wille. Was vor vier Jahren noch die Gemüter entzweite - wie intensiv soll sich das Land in Afghanistan engagieren -, ist heute Konsens: 60 Prozent der Amerikaner wollen so schnell wie möglich ihre Truppen zurückholen, sogar die Mehrheit der Republikaner denkt so. Obamas Leute haben versucht, Romney als Kriegstreiber zu karikieren. Doch der gab sich zahm wie eine Taube.

          Die neue amerikanische Zurückhaltung ist Europa zum ersten Mal bei der Intervention in Libyen offenbar geworden. Washington machte zwar den Weg frei für Luftschläge, doch zog es sich schon nach ein paar Tagen in die zweite Reihe zurück. Es stemmte dort immer noch die größte Last, sah aber zu, wie manchen Nato-Verbündeten die Munition ausging und die Lust, sich die Hände schmutzig zu machen. Gewiss, Romney hat Obama für dessen laue Unterstützung des „arabischen Frühlings“ kritisiert. Doch sollten die Europäer lieber nicht darauf setzen, dass die Amerikaner in ihrer Nachbarschaft aufräumen. Auch ein republikanischer Präsident würde dreimal überlegen, ob er in Syrien oder in Iran eingreift.

          Im überschwänglichen, ja kindischen Jubel für Barack Obama lag vor vier Jahren die Hoffnung, der Mann könne das ganze Universum erlösen. Er müsse nur den Muslimen die Hand reichen, den Russen auf die Schulter klopfen und die Chinesen umarmen. Obama hat das versucht, es hat nicht funktioniert. Mit gutem Willen lassen sich Interessenkonflikte nicht beseitigen. Obama hat das verstanden und sich in der zweiten Hälfte seiner Präsidentschaft realistische Ziele gesetzt. Er brachte Bin Ladin zur Strecke, vervielfachte die Drohnenangriffe auf Terroristen, verhinderte einen israelischen Angriff auf Iran und leitete den Rückzug aus Afghanistan ein. Insgesamt ist seine außenpolitische Bilanz nicht schlecht. Sie ist so gut, dass sein Herausforderer darauf wenig Energie verschwendete.

          Europa muss in den nächsten Jahren erwachsen werden. Es muss das Vakuum ausfüllen, das eine schwächere Supermacht hinterlässt. Und es muss sich in der multipolaren Welt manchmal neue Partner suchen, zum Beispiel beim Klimaschutz. Egal, wer am Mittwochmorgen Präsident der Vereinigten Staaten ist: das Erwachsenwerden wird schwer, aber es lässt sich nicht vermeiden.

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