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Vereinigte Staaten : Der Aufstand der Vorwähler

  • -Aktualisiert am

Unterstützer halten die Pappfigur eines lächelnden Bernie Sanders empor, der ein schreiendes Trump-Baby im Arm hält. Bild: AFP

Die Vorwahlsaison der Vereinigten Staaten ist eine der ungewöhnlichsten und bizarrsten in der modernen Wahlgeschichte – Bernie Sanders’ Aufholjagd ist nur ein Beispiel. In Amerika bricht sich ein Zorn Bahn, der lange gebrodelt hat.

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          Die meisten amerikanischen Bundesstaaten haben ihren Vorwahltermin bereits gehabt; mit der Abstimmung an diesem Dienstag in New York geht es jetzt sozusagen in das letzte Drittel. In früheren Wahlzyklen war zu diesem Zeitpunkt die Sache meist entschieden; es war klar, wer im Hauptkampf im November gegen wen antreten würde. In diesem Jahr allerdings ist wenig klar – im Jahr des Vorwähleraufstands ist alles anders.

          Auf Seiten der Republikaner könnte die Entscheidung sogar erst auf dem Nominierungsparteitag im Juli fallen, mit allen Unwägbarkeiten, Hässlichkeiten und Betrugs- und Täuschungsvorwürfen, die eine solche „Last minute“-Krönung mit sich bringen dürfte. Bei den Demokraten ist der Ausscheidungswettbewerb nicht ganz so dramatisch und aufwühlend, die Zukunft der Partei steht anders als bei der Konkurrenz nicht auf dem Spiel. Aber der Favoritin, der früheren Außenministerin Hillary Clinton, ist es bis jetzt nicht gelungen, ihren Widersacher Bernie Sanders abzuhängen, im Gegenteil: In den vergangenen Wochen holte der Senator aus Vermont ziemlich stark auf.

          Schon dessen Aufholjagd ist ein Beleg dafür, dass diese Vorwahlsaison eine der ungewöhnlichsten und bizarrsten in der modernen Wahlgeschichte der Vereinigten Staaten ist. Ungefähr so könnte sie überschrieben werden: „Der Aufstand der zornigen Weißen.“ Untertitel: „Das Scheitern des Partei-Establishments und der Irrtum der Fachleute.“ Diese Fachleute hatten nicht auf dem Schirm, wie sehr der Populist Donald Trump das republikanische Lager umpflügen und dominieren würde und wie schnell die Lieblinge der Geldgeber und der Parteiführungen kollabieren würden.

          „Einfache“ Leute fühlen sich ernst genommen

          So gut wie niemand hat vorhergesagt, dass Trump, der Kandidat mit der Vorliebe für grobe Volksrhetorik und Ressentiments, Mitte April die meisten Delegiertenstimmen auf seinem Konto haben würde, und dass der ungeliebte Hardcore-Konservative Ted Cruz sein Verfolger sein würde. Und wer hätte gedacht, dass auf der anderen Seite ein selbsternannter Sozialist Hillary Clinton so zusetzen würde? Vor ein paar Jahren noch wäre eine solche Selbstetikettierung politischem Selbstmord gleichgekommen. Dass das nicht der Fall ist, hat tieferliegende Gründe; es offenbart aber zudem die Schwächen Clintons bezüglich Glaubwürdigkeit und Authentizität.

          Für viele Auguren sind der Erfolg Trumps und die überraschend große Popularität Sanders’ nach wie vor ein Rätsel. Dabei brodelt es in der amerikanischen Gesellschaft schon lange. In diesem Jahr kommt der aufgestaute Unmut zum Ausbruch: Wenn zwei Drittel der Amerikaner der Meinung sind, das Land sei auf völlig falschem Kurs, dann braucht man sich eigentlich nicht darüber zu wundern, wenn diejenigen die frustrierten Wähler anziehen, die grundlegende Remedur versprechen, die den Hass auf die Eliten und auf die Institutionen dieser Eliten zu ihrem Thema machen und sich selbst als Erlöser von den Zumutungen der globalisierten Welt anpreisen.

          Das ist Trump, der kein klassischer Konservativer ist, besonders gut bei weißen Wählern gelungen, die keine Hochschule besucht haben und deren Sozialstatus nicht besonders hoch ist. Diese „einfachen“ Leute fühlen sich von ihm ernst genommen. In Trumps Vulgarität und seinem Führergehabe sehen sie eine Kampfansage gegen die politische Korrektheit.

          Was Trump mit dem Linken Sanders verbindet, ist die Zuspitzung eines ökonomischen Populismus: gegen die Wall Street und gegen das Amerika der großen, transnationalen Unternehmen. Dieser Populismus lässt sich so leicht mobilisieren, weil soziale und wirtschaftliche Krisenerfahrungen sowie ungleiche Einkommensverteilung einen satten Humus dafür bieten. Natürlich sind Protektionismus und wirtschaftlicher Neonationalismus falsche Rezepte, und zwar generell und erst recht im 21. Jahrhundert. Aber aus dieser Richtung weht offenbar der Wind.

          Die Wähler rächen sich

          Mittlerweile werden auch wichtige Handelspartner Amerikas hellhörig, wenn die Möchtegernpräsidenten die Handelspolitik zur Mutter aller Übel erklären. Selbst Clinton glaubt offenbar, nicht um einen protektionistischen Opportunismus herum zu kommen. Vermutlich würde sie, einmal im Weißen Haus, wieder einen Schwenk zur traditionellen Linie zurück machen. Aber es ist klar, dass sich Befürworter des freien Handels künftig mehr als bisher einfallen lassen müssen, um den Widerstand dagegen zu überwinden.

          Mit dem Aufsagen von Lehrbuchweisheiten ist es nicht getan. Denn viele Wähler haben existentiell erlebt, was zum Beispiel auf die Auslagerung von Unternehmen folgte: sozialer Abstieg und Perspektivlosigkeit. Deren Sorgen wurden lange übersehen oder übergangen – und jetzt rächen sie sich mit Trump oder Sanders an denen da oben, selbst wenn das „Programm“ der neuen Helden schlicht, irreal oder sogar unverantwortlich ist.

          Die Stimmung in dieser Saison ist keine amerikanische Besonderheit. Viele westliche Gesellschaften sind in einem Zustand großer Unruhe; der Verdruss über die Eliten ist auch in Europa allenthalben zu spüren. Populistische Bewegungen erstarken, radikale, nationalistische Parteien erhalten Zulauf. Der Zynismus greift um sich. Der amerikanische Vorwahlkampf ist ein Barometer für die zersetzenden Kräfte, die auf demokratische Gemeinwesen einwirken. Es ist zu hoffen, dass heilsame Lehren daraus gezogen werden – und dass Amerika wieder zu sich selbst findet.

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