https://www.faz.net/-gpf-8n7n4

Trump gewinnt Wahl in Amerika : Der Ego-Präsident

Dass selbst diese Äußerungen noch steigerbar sind, bewies Trump in diesem Herbst, schon als Präsidentschaftskandidat gegen Hillary Clinton. Im immer schmutziger werdenden Wahlkampf tauchte ein altes Video Trumps auf, in dem er damit prahlt, Frauen „überall hin“ fassen zu können, weil er sich als Berühmtheit alles erlauben könne. Bei jedem anderen Kandidaten hätten solche Aussagen endgültig das politische Ende bedeutet – doch Trumps Anhänger nahmen sie zumeist achselzuckend hin: So ist er halt, er redet manchmal ungehöriges Zeug, sagten sie. Aber immerhin ist er ehrlich – und nicht durch Geld korrumpierbar.

Seine Anhänger stören sich nicht

Als wirtschaftlich unabhängiger Kandidat ist Trump für die meisten seiner Anhänger unverdächtig, vom verhassten „politischen System“ in Washington beeinflussbar zu sein – und das, obwohl sich um ihn und seine Geschäfte seit langem zahllose Gerüchte ranken, die alles andere als eine Erfolgsgeschichte sind. So waren viele seiner Großinvestitionen kapitale Fehlschläge, etwa der Bau des Casinos „Taj Mahal“ in Atlantic City, der ihn in den späten achtzigern an den Rand der Privatinsolvenz brachte. Auch gab es immer wieder Berichte, seine Pleiten hätten unzählige Menschen ihre Jobs gekostet; Subunternehmer blieben auf ihren Rechnungen sitzen. Die Art und Weise, wie Trump in Atlantic City Geschäfte gemacht habe, sei „wahrlich kein Vorbild für Redlichkeit und guten Geschäftsinn“, sagte der Chef der Casino-Kontroll-Kommission von New Jersey, Steve Perskie, einmal der „Washington Post“. Sondern eher die Geschichte eines Mannes, der zur Befriedigung seines Egos skrupellos enorme Risiken eingehe.

Wahl in Amerika : Der Aufstieg des Donald Trump

Doch seine Anhänger ficht all das offenkundig nicht an – nicht seine frauenfeindlichen Äußerungen, seine geschäftlichen Misserfolge und auch nicht, dass er im Wahlkampf freimütig zugegeben hat, womöglich jahrelang keine Steuern gezahlt zu haben. Stattdessen wendete er den Angriff von Hillary Clinton ins Gegenteil: als Beweis für seine Schläue als Geschäftsmann – und seine Fans nickten dazu.

Wurde für Trump gestimmt?

Das ist das Phänomen der Anziehungskraft des Donald Trump, das bis zuletzt wohl die meisten unterschätzt haben: Er vermag Menschen, die von seinem Leben inmitten des Establishments nicht weiter entfernt sein könnten, das Gefühl zu geben, dass er mit ihnen gemeinsam gegen ebenjenes Establishment kämpfen wird. Insofern ist Donald Trump zugleich sein eigener Widerspruch, was von seinen Anhängern aber nicht als Beleg für Wetterwendischkeit, sondern eher als pragmatische Flexibilität gesehen wird. Dass Trump einmal Demokrat war und viel Geld an die Clinton-Stiftung spendete – ebenjene Stiftung, gegen die er im Wahlkampf jetzt so vehement ankämpfte, fällt für viele offenkundig nicht ins Gewicht angesichts der Größe der Aufgabe, deren Erledigung er ihnen versprochen hat: „Drain the swamp“, den „Sumpf“ der „Verfilztheit“ und der „Korruption“ im Washingtoner Politikbetrieb trockenzulegen.

Es wird in den nächsten Tagen und Wochen viel darüber geschrieben werden, ob Trump auch gegen einen anderen Gegner gewonnen hätte. Und vielleicht ist die Antwort, dass die Amerikaner an diesem Dienstag nicht für Donald Trump, sondern gegen Hillary Clinton gestimmt haben, weil es kaum eine andere Figur gibt, die so sehr ein Symbol für das Establishment ist wie sie. Vielleicht hat Clintons E-Mail-Affäre, die der Demokratin in der Schlussphase des Wahlkampfs so zu schaffen machte, am Ende die Entscheidung gebracht. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie gegen Trump, diesen unwahrscheinlichsten aller Präsidenten und den ersten, der vor seinem Einzug ins Weiße Haus weder ein Amt in der politischen Verwaltung innehatte noch den Militärdienst abgeleistet hat, nie eine Chance hatte. Weil sie Hillary Clinton ist. Eine wie sie wollten die Amerikaner nicht mehr. 

Weitere Themen

Wegmarken der Merkel-Amtszeit Video-Seite öffnen

Der Weg der Kanzlerin : Wegmarken der Merkel-Amtszeit

Die Kanzlerschaft von Angela Merkel geht nach 16 Jahren zu Ende. In dieser Zeit hat die Kanzlerin große Krisen gemanagt und so manche historische Wende eingeleitet. Ein Rückblick auf die Amtszeit von Europas dienstältester Regierungschefin.

Topmeldungen

Die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel und Tino Chrupalla im August in Schwerin.

Machtkampf in der AfD : Geht Weidel, kommt Höcke?

Um die AfD war es im Wahlkampf ziemlich still. Der Machtkampf in der Partei ist bis zur Wahl ausgesetzt. Welche Richtung sie nimmt, entscheidet sich kurz nach der Bundestagswahl.
Die Banken wollen sie nicht mehr: Jede Menge liquide Mittel

Kolumne: „Frag den Mohr“ : Sollte ich auf Strafzinsen reagieren?

Viele Banken zahlen keine Zinsen auf die Geldanlage mehr, sie verlangen sogar Geld dafür. Höchste Zeit, um über die Qualität der Bank und die Geldanlage nachzudenken. Ein schneller Rat in zwei Minuten.

Satire im Fernsehen : Böhmermann meint es ganz ernst

Satire darf alles, heißt es. Aber soll sie so politisch einseitig und oberlehrerhaft wie beim ZDF sein? Dort will Jan Böhmermann bestimmen, wer diskursfähig ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.