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Kommentar : Dann helfe uns Gott

Wenn Amerika vereint sei, dann sei Amerika nicht aufzuhalten, sagt Trump. Wie aber kann ausgerechnet dieser Narziss glauben, er vermöge Amerika zu einen? Auch mit seiner Antrittsrede trieb er den Keil noch tiefer. Doch könnte es sein, dass Trumps Verständnis von einem geeinten Amerika ausnahmsweise nicht von dem Größenwahn geprägt wird, der seine anderen Vorstellungen zu beherrschen scheint. Das wahre, das gute, das bald wieder große Amerika, das ist für ihn die Hälfte, die ihn gewählt hat, weil sie seine Ansichten über den „Sumpf“, die Mexikaner, die Frauen und den weitgehend unbekannten Rest der Welt teilt. Die andere Hälfte, die ihn wegen dieser Ansichten und Einstellungen ablehnt, mitunter zutiefst hasst, wird er ohne eine chirurgische Charakterumwandlung nicht für sich gewinnen können, und wenn er Gold vom Himmel regnen ließe. (Ohnehin würde er die Gegenden ausnehmen, in denen jene leben, die er schon dann als seine Feinde ansieht, wenn sie ihn in ihren Tweets nicht loben.)

Trump wird, wenn er will, was alle amerikanischen Präsidenten vom ersten Tag ihrer Präsidentschaft an wollen, nämlich wiedergewählt werden, seiner Hälfte das liefern müssen, was er ihr versprochen hat. Und er versprach ihr nicht wenig: Stärke, Wohlstand, Stolz, Sicherheit, Größe. Nichts davon ist für einen amerikanischen Präsidenten ungewöhnlich, und nichts davon ist verwerflich, auch wenn die Liste wohl kürzer ausfallen würde, wenn ein deutsches Staatsoberhaupt sie aufstellte. Was Trump aber auch von seinen Vorgängern, ob Republikaner oder Demokraten, unterscheidet, das ist der nationalistische Ton, der seine Ankündigungen durchzieht, und das ist das Paradigma seiner Präsidentschaft, ihre leitende Idee. Sie lautet, auch wenn nicht bekannt ist, ob Trump Schiller gelesen hat: Der Starke ist am mächtigsten allein.

Das dichte Gewebe von Bündnissen und Verträgen, das Amerika mit der Welt verbindet, brachte den Amerikanern nach Trumps Darstellung nur Nachteile. Von einem Nutzen war nirgends die Rede. Stattdessen: Ausländische Industrien seien auf Kosten der amerikanischen Industrie reich geworden. Die Armeen anderer Länder seien unterstützt und deren Grenzen verteidigt worden, während die amerikanischen Streitkräfte verfallen und die eigenen Grenzen aufgegeben worden seien. Der Wohlstand der amerikanischen Mittelklasse sei aus ihren Häusern „gerissen“ und auf der ganzen Welt verteilt worden. „Wir haben andere Länder reich gemacht, während der Wohlstand, die Stärke und das Selbstvertrauen unseres Landes hinter dem Horizont verschwunden sind.“

Diese angebliche Selbstvergessenheit und Selbstaufgabe will Trump beenden. Er will Amerika zu einer Festung des ökonomischen Protektionismus und des politischen Unilateralismus umbauen. Es würden, ob in der Innen- oder Außenpolitik, nur noch Entscheidungen getroffen, die den amerikanischen Arbeitern und ihren Familien nutzten. Die Maximierung des Nutzens aber ist für Trump, wie für Putin, offenkundig ein Nullsummenspiel. Während die kommunistische Führung Chinas sich als Bannerträger des Freihandels ausgibt, ist in Amerika ein Präsident an die Macht gekommen, der – man kann es immer noch kaum glauben – den freien Warenverkehr für eine Bedrohung des amerikanischen Wohlstands hält und daher ankündigt, die entsprechenden Verträge aufzulösen. Ein Präsident, dessen Familie und dessen, ebenfalls nicht dem Lumpenproletariat entstammende, Minister in einer freien Marktwirtschaft Milliarden verdient haben, will nun unter Androhung von Strafzöllen Weltkonzernen vorschreiben, wo sie zu produzieren und zu investieren hätten. Diese staatlichen Lenkungsversuche werden den Amerikanern – und allen ihren Handelspartnern – langfristig mehr schaden als nutzen, auch wenn das Strohfeuer, das Trumps Konjunkturprogramm unter Erhöhung der schon jetzt riesigen Verschuldung entfachen wird, eine Weile verdecken könnte, was er anrichtet.

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