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Trumps Wahlkampf mit Kavanaugh : Der Präsident hat jede Zurückhaltung verloren

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Lange Liste von Widersprüchen

Trump ahnt, dass ihm Wähler wegbrechen könnten – deswegen sind die wütenden Männer und ihre Verteidigerinnen an der Basis besonders wichtig. „Tut so, als würde ich auf dem Stimmzettel stehen”, ruft Trump seinen Fans in Mississippi zu. „Dies ist auch eine Abstimmung über mich.” Der Präsident warnt angesichts der Umfragen und der dünnen Mehrheit im Senat: „Wir brauchen mehr republikanische Stimmen. Wenn jemand eine Erkältung hat und zu Hause bleibt, haben wir keine Mehrheit. So schlecht sieht es aus.”

Die Demokraten können unterdessen hoffen, dass ihnen der Streit um Kavanaughs Nominierung auch Stimmen bringt. Die Republikaner werfen ihnen vor, Blasey Ford benutzt zu haben – obwohl diese in ihrer Anhörung deutlich sagte, sie sei „keine politische Schachbrettfigur”. Die FBI-Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, aber zu der Liste der Widersprüche in Kavanaughs Aussage kommen immer neue öffentliche Erklärungen ehemaliger Mitschüler und Kommilitonen. Der Richter hatte abgestritten, jemals einen betrunkenen Filmriss gehabt zu haben. Die auf Besäufnisse und Sex bezogenen Anspielungen in seinem Highschool-Jahrbuch deutete er in seiner von Wutausbrüchen gekennzeichneten Anhörung vergangene Woche um.

Da wurde ein gebräuchlicher Slangausdruck für einen „Dreier” zu einem nicht näher erklärten Trinkspiel, die Selbstbezeichnung als „Renate Alumnius”(sic) drückte die platonische Wertschätzung einer Bekannten aus und den prominenten Platz im Klub der sich Übergebenden erreichte Kavanaugh durch seinen allseits bekannten „sensiblen Magen”. Mehrere Zeugen charakterisierten Kavanaugh in den Medien inzwischen als „harten Trinker”. Andere Freunde verteidigten ihn in dieser Woche wiederholt. So sagten ehemalige Zimmergenossen, er habe stets Maß gehalten.

Inzwischen tauchte offenbar ein Brief des jugendlichen Kavanaugh an seine Freunde auf, in dem er sie über die organisatorischen Feinheiten der „Beach Week” 1983 in einer Ferienwohnung am Strand instruierte: Frauen seien jederzeit willkommen, die Nachbarn müssten allerdings gewarnt werden, denn „wir sind laute, widerwärtige Trinker”. Laut der „New York Times“ ist der Brief mit „Bart” unterzeichnet. Kavanaugh hatte in der vergangenen Woche bestritten, dass er mit dem Namen „Bart O'Kavanaugh” gemeint sein könnte – der findet sich im Buch „Besoffen. Geschichten eines Alkoholikers aus der Generation X” von Mark Judge. Judge ist der Freund, der laut Blasey Ford im Zimmer gewesen sei, als Kavanaugh versuchte, sie zu vergewaltigen.

Kavanaughs Trinkverhalten im Fokus

Das Thema Alkohol rückte schnell in die Mitte des Interesses, weil Kavanaugh den Senat in den Augen vieler Amerikaner vergangene Woche unter Eid belog. Die Ausflüchte wegen seines Trinkverhaltens allein sollten ihn aus Sicht seiner Kritiker vom Obersten Gerichtshof fernhalten – selbst, wenn man ihm keine versuchte Vergewaltigung und keine weiteren Übergriffe nachweisen kann. Die Demokraten hoffen, dass das für ein paar kritische Republikaner wie Jeff Flake und Susan Collins im Senat am Ende für ein „Nein” reichen wird.

Und noch ist nicht gesagt, dass es keine Belege für die Vorwürfe der Frauen gibt. So berichtete der Sender NBC News am Dienstag, dass Kavanaugh von den Anschuldigungen der zweiten Frau, Deborah Ramirez, viel früher gewusst habe, als er behauptete. Kavanaugh soll Ramirez als Student auf einer Party seinen Penis ins Gesicht gehalten haben, andere hätten zugesehen. Im Bekanntenkreis hätten schon vor der Veröffentlichung der Beschuldigung E-Mails kursiert, in denen Vertraute des Richters baten, den Vorfall zu bestreiten.

Die Republikaner bleiben trotz der nicht leiser werdenden Proteste dabei: Sie wollen Brett Kavanaugh noch in dieser Woche durch die Abstimmung im Senat auf die Richterbank des Supreme Court befördern. Der Richter bestreitet weiterhin alle Vorwürfe. Seinen Lehrauftrag an der Harvard-Universität lässt er unterdessen erst einmal ruhen. Das FBI soll inzwischen Mark Judge befragt haben, der bei der versuchten Vergewaltigung 1982 im Zimmer gewesen sein soll. Auch die anderen Zeugen, die angeblich auf der Party waren, hätten ausgesagt. Aber eine wartet laut ihren Anwälten immer noch darauf, dass die Bundespolizei sich bei ihr meldet: Christine Blasey Ford.

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