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Corona-Pandemie : Der Sieg gegen das „China-Virus“ soll Trump retten

  • -Aktualisiert am

Donald Trump Anfang August mit Mundschutz beim Besuch einer Fabrik in Clyde Bild: dpa

Donald Trump tut alles, um in der Pandemie Optimismus zu verbreiten. Seine Regierung erweckt den Eindruck, es könne pünktlich zur Wahl einen Impfstoff geben. Und ein neuer Berater im Weißen Haus soll ein Gegengewicht zu vorsichtigeren Wissenschaftlern schaffen.

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          Dutzende Mitarbeiter des Secret Service sind laut Medienberichten krank oder in Quarantäne, beim republikanischen Parteitag in der vergangenen Woche sollen sich mehrere Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, und inzwischen sind in den Vereinigten Staaten insgesamt fast 187.000 Menschen an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Donald Trump macht trotzdem Wahlkampf, als sei sein Krisenmanagement tatsächlich die Erfolgsgeschichte, die er auf dem Parteikonvent vorige Woche inszenierte. Am Donnerstagabend ließ er sich abermals von einem dicht gedrängten Publikum feiern, auf einem Flughafen in Latrobe in Pennsylvania.

          Diesmal sagte Trump, das Coronavirus sei der Grund, warum er überhaupt Wahlkampf gegen seinen Konkurrenten Joe Biden machen müsse. Wäre das „China-Virus“ nicht aufgetaucht, hätte er alle Wahlkampfveranstaltungen abgesagt, behauptete er vor den jubelnden Fans. Zwar forderte Trump diese dazu auf, sich am bevorstehenden langen Labor-Day-Wochenende durch Masken zu schützen. Gleichzeitig machte er sich aber über Biden lustig, der auf Massenkundgebungen verzichtet und konsequent einen Mund-Nasen-Schutz trägt. Ob sie jemals einen Mann gesehen hätten, der Masken so sehr möge wie Biden, fragte Trump die Menge und setzte hinzu: „Dieser Kerl hat einige große Probleme.“ Sonst stand das Coronavirus jedoch nicht im Zentrum der Veranstaltung – Trump kehrte schnell zu seinen Tiraden über das vermeintlich weit verbreitete „Chaos“ auf den Straßen Amerikas, den angeblichen Verfall von „Recht und Ordnung“ und zu Beschimpfungen Bidens zurück, der eine „Marionette von Sozialisten, Marxisten und die Polizei hassenden Extremisten“ sei.

          Der wahre Held der vergangenen Monate?

          Doch das Coronavirus ist neben dem Schüren von Ressentiments ein Hauptthema von Trumps Wahlkampf. Zwar spricht er es nicht immer dezidiert an, doch die Wahl ist auch ein Referendum über das Krisenmanagement des Präsidenten, das in den Augen der meisten Fachleute katastrophal ist. Beim Parteitag strickten die Republikaner an einer Legende, wonach es Trump war, der von Anfang an alle Hebel in Bewegung gesetzt habe, um besonders betroffenen Städten wie New York zu helfen – Propagandavideos zeigten den Präsidenten als den wahren Helden der vergangenen Monate.

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          Trump kann es sich nicht erlauben, dass diese Botschaft durch die eigenen Leute im Weißen Haus konterkariert wird. Deswegen reduzierte er in den vergangenen Monaten auch die Auftritte seiner Corona-Experten Anthony Fauci und Deborah Birx. Dafür kam ein Mann ins Weiße Haus, der besser zu Trumps Wahlkampf-Optimismus in Sachen Corona passt. Scott Atlas ist Radiologe und forscht an der konservativen Hoover Institution der Stanford Universität zu Gesundheitspolitik. Er ist Verfechter einer libertären Virus-Politik. Aus seiner Sicht soll es nun darum gehen, gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie etwa alte Menschen, zu schützen, aber Restriktionen für den Rest der Gesellschaft möglichst weit zurück zu fahren. Genau wie viele Gegner der Corona-Maßnahmen glaubt der neue Trump-Berater, eine Herdenimmunität sei durch Lockerungen herzustellen. Das ist ganz nach Trumps Geschmack, der stets für eine schnelle Öffnung der Wirtschaft geworben und sogar Proteste gegen die Schutzmaßnahmen in demokratisch regierten Bundesstaaten unterstützt hatte.

          Der Neue ist als Radiologe kein Fachmann für Infektionskrankheiten und Epidemien. Atlas zweifelte noch daran, dass Masken sinnvoll seien, als das bereits belegt war und bezeichnete die Schulschließungen noch im Juni als irrational. Die Behauptung, man könne und solle durch die Öffnung der Wirtschaft eine Herdenimmunität herstellen, stützt sich auf die Annahme, dass jüngere Menschen keine oder nur milde Covid-Symptome zeigten.

          Dem stehen die Erfahrungen vieler junger Patienten ohne Vorerkrankungen entgegen, die schwer unter der Krankheit leiden. Auch das Beispiel Schweden, wo die Regelungen liberaler und die Todesraten höher sind als in den Nachbarstaaten, führen Kritiker an, um Atlas' Linie zu widerlegen. Bei vielen Anhängern kommt dessen Botschaft aber an, unterstützt von rechten Prominenten wie dem Radiomoderator Rush Limbaugh. Der verkündete kürzlich, Trumps neuer „brillanter“ Berater Atlas habe ein „Ausbrennen“ des Virus im Herbst vorausgesagt.

          Atlas, der beim Sender Fox News die Gesundheitspolitik kommentiert hatte, bevor er ins Weiße Haus kam, soll bereits eine Kehrtwende in den Empfehlungen der Seuchenkontrollbehörde CDC bewirkt haben. Die erklärte in dieser Woche überraschend, Menschen ohne Symptome sollten sich nicht testen lassen. In Städten wie New York wurde bislang jeder kostenlos getestet, seit genügend Tests zur Verfügung stehen – so will man eigentlich auch den asymptomatischen Virus-Verbreitern auf die Spur kommen.

          Die Regierung und Trumps Wahlkampfteam propagieren unterdessen auch die Vorstellung, man könne bereits im Herbst einen Impfstoff gegen das Coronavirus haben. Wissenschaftler hielten das bislang für unwahrscheinlich, doch aus Trumps Perspektive wäre es ein Wahlkampf-Hit. Der Chef der Seuchenkontrollbehörde CDC, Robert Redfield, widersetzte sich dem Präsidenten nicht, sondern forderte die Bundesstaaten auf, sich für eine mögliche Verteilung eines Impfstoffes ab dem 1. November – zwei Tage vor der Wahl – bereit zu halten.

          Auch die Arzneimittelaufsicht FDA verkündete, die Zulassung eines Impfstoffs noch vor den eigentlich verpflichtenden letzten Testphasen liege im Bereich des Möglichen. Und selbst Anthony Fauci sagte in dieser Woche, wenn die Resultate der Impfstofftests bei den Unternehmen „überwältigend“ positiv seien, könne man den Prozess beschleunigen. Viele Beobachter hatten in den letzten Wochen davor gewarnt, die Regulierer könnten durch Trumps Regierung unter Druck geraten, die Zulassung eines Impfstoffs wider besseren Wissens zu beschleunigen.

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