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Gewalt in Charlottesville : Das verstörende Flüstern des Donald Trump

Hat uns nicht attackiert: Nach der blutigen Kundgebung in Charlottesville werten die rechten Bewegungen Trumps lasche Kritik als Unterstützung. Bild: AP

Gegen Nordkoreas Machthaber, seine Kritiker und sogar Schauspieler teilt Donald Trump aus ohne Rücksicht auf Verluste. Geht es um Rechtsextreme, wird er ganz leise. Es sind die Geister, die er rief. Und gegen die nun selbst seine Lieblingstochter Position bezieht.

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          Die größte Kundgebung der Rechtsextremen seit Jahrzehnten war längst ausgeartet. Demonstranten und  Gegendemonstranten in Charlottesville hatten sich heftige Schlägereien geliefert, zahlreiche Verletzte waren die Folge. Ein Autofahrer war in eine Gruppe gerast und hatte eine 32 Jahre alte Frau dabei getötet, ein Polizeihubschrauber war abgestürzt, zwei Polizisten ums Leben gekommen. Der Gouverneur des Bundesstaates Virginia hatte bereits den Ausnahmezustand verhängt, Dutzende Politiker, auch seiner eigenen Partei, hatten die Eskalation in der zwei Autostunden südwestlich von Washington gelegenen Demokratenhochburg aufs Schärfste verurteilt. Da, erst da, meldete sich Amerikas Präsident mit einem Tweet zu Wort.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Bild: dpa

          Trump verurteilte die Ausschreitungen. Für „diese Art von Gewalt“ sei kein Platz in Amerika. Später trat er in seinem Urlaubssitz in Bedminister noch einmal vor die Kameras und las eine Erklärung vor, in der er den „unerhörten Ausbruch von Hass und Fanatismus“ verurteilte. „Auf vielen Seiten“, wie Trump gleich zwei Mal sagte. Von den Rechtsextremen, Rassisten und Neonazis sprach er nicht, auch auf Nachfragen hin, die ihm Reporter bei seinem Abgang hinterherriefen.

          Die Reaktionen auf die ungewohnten Flüstertöne des Präsidenten ließen nicht lange auf sich warten. „Donald Trump verspottete Barack Obama, weil er den islamistischen Terrorismus nicht beim Namen nannte“, schrieb sein ehemaliger Weggefährte und TV-Moderator Joe Scarborough auf Twitter. Von einem „abgrundtiefen moralischem Versagen“ Trumps schrieb Steve Schmitt, einst Chefberater des republikanischen Senators John McCain während seiner Präsidentschaftskandidatur 2008. Der republikanische Senator Marco Rubio, im Vorwahlkampf Konkurrent Trumps um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, stimmte in die lange Reihe prominenter Kritiker ein. Es wäre für die Nation wichtig, dass der Präsident die Vorfälle „in Charlottesville als das beschreibt, was sie sind, ein Terrorangriff von weißen Rassisten.“ Selbst Donald Trumps Tochter Ivanka rückte am Sonntag von der Linie ihres Vater ab und benannte klar die Täter. In der amerikanischen Gesellschaft dürfe es keinen Platz geben für Rassismus, weiße Vorherrschaft und Neonazis.

          Es gibt eine Erklärung dafür, warum Trump einmal in denkbar präsidentieller Form den Finger Richtung Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un erhebt, seinen Mehrheitsführer Mitch McConnel unter Druck setzt, renommierte Medien (wieder einmal) der Lüge bezichtigt und sich sogar über Trump-Satiren im Fernsehen aufregt – und dann, bei einem Ausbruch rechtsextremer Gewalt im eigenen Land, auf einmal auffällig lasch reagiert. Es sind die Geister, die er rief.

          Für Amerikas extreme Rechte ist Donald Trump der Messias, auf den sie lange gewartet  haben. Die Alt-Right-Bewegung, ein loser Zusammenschluss weißer Nationalisten, Libertärer und Rechtsradikaler, hat Trump zum Wahlsieg verholfen. Ihre Ängste hat er im Wahlkampf bedient, ihnen hat er nach dem Mund geredet. Nicht ohne Grund sitzt mit Trumps Chefberater Steve Bannon eine Person im Weißen Haus, die der Bewegung sehr nahe steht. Spätestens im November vergangenen Jahres wurde deutlich, wie gefährlich Trumps Liaison mit der Bewegung für ihn ist. „Heil Trump, heil unserem Volk, sieg Heil“ skandierte Richard B. Spencer, Gallionsfigur der Bewegung, bei einer Veranstaltung in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses. Trumps Sieg sei ein „Erweckungserlebnis“. Der gewählte Präsident distanzierte sich rasch: „Ich will dieser Gruppe keinen Auftrieb geben“, sagte er damals und sah sich zugleich gezwungen, sich vor seinen Chefberater zu stellen. „Wenn ich dächte, dass er ein Rassist oder Alt-Right oder irgendeines von diesen Dingen wäre, würde ich nicht einmal daran denken, ihn anzuheuern, so Trump über Bannon. Das sorgte für ersten Unmut.

          Inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen Trump und der Alt-Right-Bewegung deutlich abgekühlt. Letztere sieht ihre Felle davon schwimmen. Zwar bedient Trump rhetorisch weiter ihre Vorstellungen. Doch umgesetzt hat er von ihren Wünschen nach über 200 Tagen denkbar wenig. Der „politische Sumpf“ in Washington existiert fort. Die Ausweisung von Latinos geschieht aus ihrer Sicht zu schleppend, vom stockenden Vorhaben einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ganz zu schweigen. Die Abriegelung des Landes gegenüber sämtlichen Muslimen ist gescheitert und auf eine Miniversion zusammengeschrumpft. Von einer Abwendung von der Welt und Hinwendung auf die Probleme des wütenden, mittelalten Mannes im mittleren Westen ist nur wenig zu erkennen. Das Wichtigste aber: Trumps Wahlkampfslogan „America first“, den viele Anhänger rassistisch oder religiös interpretieren, interpretiert der Präsident nun so, dass er für alle Amerikaner gilt. In den Augen zahlreicher Alt-Right-Anhänger kommt das Verrat gleich. Charlottesville ist ein Signal, dass so mancher von ihnen sich damit nicht zufriedengeben will.

          Ku-Klux-Klan-Chef: Darum haben wir Trump gewählt

          Der ehemalige Ku-Klux-Clan-Chef David Duke sprach am Samstag wohl für viele der Demonstranten, die da bereits mit Fackeln, Helmen, Knüppeln und teils im Gleichschritt durch die Stadt marschierten, als er sagte: „Das ist ein Wendepunkt“, sagte er. „Wir sind entschlossen, uns unser Land zurückzuholen. Wir werden die Versprechen Donald Trumps erfüllen. Daran glauben wir. Darum haben wir ihn gewählt.”

          Was das bedeutet, davon bekamen die Vereinigten Staaten an den beiden Tagen einen Eindruck. Die Kundgebung „Vereinigt die Rechte“, an der mehrere Tausend Menschen teilnahmen, war angekündigt als friedlicher Protest gegen die Entfernung einer Statue des Bürgerkriegsgenerals Robert E. Lee. Die Konföderierten, für die er stritt, waren Anhänger der Sklaverei. Die Veranstaltung endete in Schlägereien, bei denen nach jüngsten Angaben 35 Menschen verletzt wurden, allein 19 davon bei der Autoattacke eines offenkundig rechtsextremen Teilnehmers. Auch eine 32 Jahre Jahre alte Frau kam ums Leben. Die mutmaßlich gezielte Attacke erinnerte an Amokfahrten islamistischer Terroristen. Das FBI ermittelt. Das Wiesenthal-Zentrum verurteilte die Gewalt als Terror.

          Den Präsidenten hat die Eskalation in eine schwierige Situation gebracht. Mit seinem wachsweichen Statement versuchte er offenkundig, allen seinen Anhängern gleichzeitig gerecht zu werden – und scheiterte. Der „Daily Stormer“, eine Webseite amerikanischer Neonazis, die die Demonstration mit propagiert hatte, jubelte: „Er hat uns nicht attackiert. Gott segne ihn.“ Das Gros der Amerikaner dürfte das anders sehen. Nach einer Woche, in der Trump mit wüsten Angriffen von seinen eigenen Problemen abzulenken suchte, droht ihm somit einen neuer Brandherd, den er so schnell nicht austreten dürfte. Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich der Präsident angesichts wachsenden öffentlichen Drucks gegenüber der Alt-Right-Bewegung positioniert, von denen viele übrigens mit einem Staat sympathisieren, über den der Präsident diese Woche sich sehr deutlich geäußert hat: Nordkorea.

          August 2017 : Tote bei Unruhen in Charlottesville

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