https://www.faz.net/-gpf-8jsip

Bill Clinton : Das oberste Bürschlein

  • -Aktualisiert am

Make America Clinton Again: Bill lässt sich in Philadelphia feiern. Bild: Polaris /Studio X

Der frühere amerikanische Präsident trifft im Wahlkampf seiner Frau auf eine veränderte Partei in einem veränderten Land. Könnte Bill Clinton trotzdem Hillarys Wirtschaftswunder bewirken?

          5 Min.

          Im Frühling 1971 traf ich ein Mädchen.“ Es ist Bill Clintons erster Satz. Schon klatschen die Leute, ganz, wie er es geplant hat, wie er es liebt. „Sie hatte dichtes, blondes Haar, trug eine große Brille, war nicht geschminkt und strahlte eine Stärke und Selbstbeherrschung aus, die mich magnetisch anzogen.“ Die erste Hälfte seiner vierzig Minuten langen Ode auf Hillary widmet Amerikas 42. Präsident der Lebens- und Liebesgeschichte des prominentesten Politpowerpaars der Welt. Kokett erzählt er am Dienstagabend von zwei vergeblichen Heiratsanträgen. „Doch aller gute Dinge sind drei.“

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.

          Zwischen den Zeilen scheint er in Philadelphia sogar auf das bitterste Kapitel der seit 41 Jahren währenden Ehe einzugehen. Er spricht davon, wie sie auch „herzzerreißende“ Zeiten gemeinsam durchgestanden hätten. Schon da dürften viele Parteitagsdelegierte an die Lewinsky-Affäre denken. Später ruft der überführte Ehebrecher dann aus: „Sie wird euch nie im Stich lassen! Mich hat sie nie im Stich gelassen.“ Schwächen kommen in dem Porträt nicht vor, das Bill Clinton von der Frau zeichnet, der die demokratischen Delegierten kurz vorher die Präsidentschaftskandidatur angetragen haben.

          „Eine geborene Anführerin“

          Es sei denn, man zählt die vielleicht einzige Enthüllung des Abends mit: dass Hillary Clinton beim Umzug von Tochter Chelsea in ein Studentenwohnheim wie besessen nach Schubladen gesucht habe, um sie mit Wachspapier auszulegen. Ansonsten menschelt es eher beim Bewunderer Bill als bei Hauptperson Hillary. Sie kommt fast nur als Kopfmensch vor. „Ihre Neugier ist unersättlich, sie ist eine geborene Anführerin, sie hat Organisationstalent“, zählt Bill Clinton auf. Niemand verändere die Dinge hartnäckiger zum Besseren als Hillary Clinton. „Change-maker“ nennt er sie wieder und wieder: Wandelmacherin.

          Das Wort führt Bill Clinton seit Monaten auf den Lippen. Im Vorwahlkampf absolvierte er oft etliche Auftritte pro Tag. Es waren meist kleinere Kundgebungen in Turnhallen. Nicht immer sprang der Funke über. Dabei dürfte Bill Clinton schon im Januar in Iowa nicht wirklich geglaubt haben, was er dort verkündete: „Ich glaube, ich tauge in diesem Wahlkampf nichts. Denn ich bin auf niemanden wütend.“

          Im Angesicht der Bernie-Sanders-Revolte sang der frühere Präsident ein Loblied auf die Politik der kleinen Schritte. „Wir müssen die Verheißungen maximieren und die Probleme minimieren“, rief er. Dann posierte er so lange für Selfies, bis alle Gäste befriedigt waren. Viele nahmen vor allem eine Erkenntnis mit: Dünn ist der geworden! Seit einer Herzoperation ernährt sich der frühere Präsident vegan. Wenn er auf Wahlpartys als Claqeur mit dauerhaft offenem Mund schräg hinter der Kandidatin stand, wirkte er stark gealtert. Im August vollendet er sein 70. Lebensjahr.

          Doch im Gegensatz zu seiner Frau genießt Bill Clinton bis heute sichtlich jeden Wahlkampf. Es ist fast eine Sucht. Auch deshalb ist Bill diesmal an der kurzen Leine. Vor acht Jahren hatte er allzu unvorsichtig die Krallen gegen den Rivalen ausgefahren. Es sei doch „eine Märchengeschichte“, dass Barack Obama Präsident werden könne, schimpfte er damals. So zerstörte er viel Vertrauen unter Afroamerikanern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wie lange noch? Noch steht Armin Laschet im Schatten von Angela Merkel.

          Allensbach-Umfrage : Kanzlerpartei im Ungewissen

          Das Meinungsklima für die Union ist aktuell nicht schlecht. Das liegt aber immer noch vor allem an der Kanzlerin. Der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet muss sich erst noch profilieren.

          Wege aus dem Lockdown : So können Lockerungen laut RKI gelingen

          Das RKI hat detailliert aufgeschlüsselt, wann man Corona-Maßnahmen lockern kann und unter welchen Bedingungen sie verschärft werden sollten. Das Modell unterscheidet sich vom bisherigen Vorgehen. Landespolitiker müssten umdenken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.