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Verschollen in Nordkorea : Vom Regime fühlte er sich nie bedroht

Ein Facebook-Foto des 29 Jahre alten Alek Sigley Bild: dpa

In Pjöngjang ist ein junger Australier verschwunden, der dort studierte und als Fremdenführer arbeitete. Der Fall weckt düstere Erinnerungen an Otto Warmbier.

          Vor einigen Monaten wurde Alek Sigley von dem Fernsehsender Sky News gefragt, ob er keine Angst habe, in Pjöngjang zu leben. Schließlich habe das nordkoreanische Regime immer wieder Ausländer festgenommen. Doch der Australier sagte, er habe sich in Nordkorea, wo er seit gut einem Jahr studiert und als Fremdenführer gearbeitet hatte, „nie bedroht gefühlt“. Er fügte hinzu, als Reiseführer sei es aber seine Pflicht gewesen, alle Fälle genau zu studieren, in denen Ausländer inhaftiert wurden.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Nun ist er selbst verschwunden. Das australische Außenministerium teilte am Donnerstag mit, man bemühe sich dringend um Aufklärung über seinen Aufenthaltsort und sein Wohlbefinden. Südkoreanische Medienberichte, wonach Sigley festgenommen worden sei, bestätigte die Regierung zunächst nicht. Finanzminister Mathias Cormann sagte, Australien habe sowohl über seine eigene Botschaft in Südkorea als auch über die schwedische Botschaft in Nordkorea Kontakt zur Regierung in Pjöngjang gesucht.

          Kein Kontakt seit Dienstagmorgen

          Schweden vertritt Länder wie Australien und die Vereinigten Staaten in Pjöngjang konsularisch, weil sie selbst keine Vertretung in dem Land haben. Damit seien „Komplikationen“ verbunden, sagte Minister Cormann. „Es gibt wirklich nicht viel mehr, was wir zu diesem Zeitpunkt sagen können.“ Alle notwendigen Schritte seien eingeleitet. Zuvor hatte Sigleys Familie Alarm geschlagen. Seine Eltern teilten über eine Sprecherin mit: „Alek ist seit Dienstagmorgen australischer Zeit nicht im digitalen Kontakt mit Freunden und Familie gewesen, was ungewöhnlich für ihn ist.“ Auch die Sprecherin hob hervor, dass es keine Bestätigung für eine Festnahme gebe.

          Sollte es dennoch so sein, hätte das Regime einen der wenigen Menschen in seinen Fängen, der regelmäßig Werbung für das Land gemacht hat. Alek Sigley studiert an der Kim-Il-sung-Universität im Masterstudiengang koreanische Literatur. Darüber hat der 29 Jahre alte Australier in den vergangenen Monaten in mehreren westlichen Medien selbst berichtet. In der britischen Zeitung „Guardian“ schrieb er im März, er sei einer von nur drei westlichen Studenten und er sei „der einzige Australier im ganzen Land“.

          Der Artikel enthielt nichts, was den Zorn des Regimes hätte auf ihn ziehen können. Im Gegenteil. Die Regierung kam darin gut weg. Sie tue viel, um die Qualität der Konsumwaren zu verbessern, stand da. Und auch das: „Der stolzeste Moment meines Zimmernachbarn während seiner Unizeit war, als er die Universität in einer Militärparade vertrat, die von Kim Jong-un abgenommen wurde.“ Der gleiche Kommilitone habe ihn einmal gefragt, ob Australien auch ein Ein-Partei-Staat sei. Er sei enttäuscht gewesen, als er gehört habe, dass die kommunistische Partei dort nur sehr klein sei, schrieb Sigley.

          Bevor er sein Masterstudium in Pjöngjang begann, war er bereits ein regelmäßiger Besucher Nordkoreas. Im Jahr 2013 gründete er mithilfe zweier nordkoreanischer Freunde das Unternehmen Tongil Tours, das Reisen für westliche Touristen anbietet.

          Gab dem Regime ein menschliches Antlitz

          In seinem Beitrag für den „Guardian“ begründete Sigley seine Faszination für das Land, das zu den schlimmsten Diktaturen der Welt zählt. Demnach lebte er während seines Grundstudiums in China im Studentenwohnheim mit Nordkoreanern zusammen. Da sein Vater Sinologe und seine Mutter gebürtige Chinesin ist, war die Wahl seines ersten Studienorts wenig verwunderlich. Er schrieb, sein Interesse hätten die Anstecknadeln mit den Konterfeis von Kim Il-sung und Kim Jong-il geweckt, die jeder Nordkoreaner tragen muss. Sie sind Teil des nordkoreanischen Führerkults, und die Propaganda ist voll mit Geschichten von Menschen, die angeblich ihr Leben oder das ihrer Kinder aufs Spiel gesetzt haben, um in Notsituationen die Anstecknadel nicht zu verlieren.

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