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Volker Bouffier : Der Familienmensch

Bild: David Smith

Hessens Ministerpräsident müht sich nicht, modern zu wirken, weltläufig und urban. Er hat sich für andere Wähler entschieden. Auch für solche, denen Familie noch etwas bedeutet.

          Alle paar Wochen geht Volker Bouffier auf „Hessenreise“. Sein Chauffeur fährt ihn dann von Kita zu Kita oder von Integrationsprojekt zu Integrationsprojekt. Die Fahrten zwischen Weilburg, Wetzlar und Karben sind die einzigen Pausen an so einem Tag. Eine halbe Stunde für ein Stück Schokolade, einen Schluck Cola Light, die Bouffier aus einem Fach zwischen den beiden hinteren Sitzen holt. Im gekühlten Wagen läuft leise Schlager, Bouffier zündet sich ein Zigarillo an. Dann nimmt er den riesigen Hörer des Autotelefons ab, wählt die Nummer seiner Büroleiterin. „Frau Gätcke, meine Liebe, ich wollte mich nur kurz melden.“ Und kurz darauf, weil offenbar nichts los ist in Wiesbaden: „Ich wünsche Ihnen was, meine Beste.“ Von Smartphones hält Bouffier nicht viel. Er glaube nicht an den „ubiquitären Menschen, der mit Laptop umherreist und immer gut drauf ist“, hat er einmal gesagt.

          Katharina Wagner

          Redakteurin in der Politik.

          An einem Abend im Juni soll er vor hessischen Wirtschaftsleuten darüber sprechen, „Was unser Land jetzt braucht“. Eine Beratungsfirma hat zum „Executive Dinner“ in ein protziges Frankfurter Hotel geladen. Bouffier kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, von Europa über Blockupy zum Kampf um Eckrandstunden am Frankfurter Flughafen. Die Rede dauert schon über eine Stunde, die Gäste sind hungrig. Bouffier spricht frei, wie meistens. Wenn er redet, fühlt er sich wohl. Deshalb werden seine Reden auch immer so lang.

          Alles an ihm hat etwas Nostalgisches

          Als er gerade den Firmenvertretern mit seiner dröhnenden, tabakheiseren Stimme zugerufen hat, dass das Land Mutbürger brauche: „Mischen Sie sich ein!“, fällt alles Energische mit einem Mal von ihm ab. „Vor 26 Jahren“, hebt er leise an, als er unter Ministerpräsident Wallmann Staatssekretär im Justizministerium geworden sei: „Das war eine völlig andere Welt. Es gab nicht mal Autotelefon.“ Damals hätten Ministerien sich Tage Zeit gelassen, um auf Presseberichte zu reagieren. Heute wären dann längst Rücktrittsforderungen da. Bouffier wirkt für einen Moment ehrlich wehmütig, aber auch ein bisschen jammervoll. Erst, als er zu einem Plädoyer gegen den bevormundenden Staat ausholt, findet er wieder in die kämpferische Pose.

          Alles an Bouffier hat etwas Nostalgisches. Seine Kleidung: die weiten Jacketts, breiten Krawatten, bequemen Schuhe. Die Art, wie er Leute begrüßt: eine Hand streckt er zum Schütteln aus, die andere legt er auf Schulter oder Ellbogen. Und auch seine Rhetorik: Als er an dem Abend in Frankfurt eine Anekdote über den Besuch des niederländischen Königspaars und die Begeisterung über „Máxima“ einstreut, leitet er sie ein mit: „Die Damen mögen es mir verzeihen . . .“ Floskeln wie „auf ein offenes Wort“ oder „wenn wir mal ehrlich sind“ nutzt er gern, auch die Wörter „Bub“, „Kamerad“ und „prima“.

          Bouffier müht sich nicht, modern zu wirken, weltläufig und urban. Er hat sich für andere Wähler entschieden. Für die, denen der hohe Beitrag Hessens zum Länderfinanzausgleich ein Anliegen ist, die keine „Zwangseinheitsschule“ wollen und denen Familie noch etwas bedeutet. Zum Muttertag produzierte die CDU einen Film, in dem Bouffiers Mutter zu süßlichen Klavierklängen schwärmt, wie es war, als ihr „Jung“ sonntags noch öfter zum Essen kam. Familie ist alles für Bouffier. Oder eher: das Gefühl von Familie. Selbst die Politik gestaltet er nach ihren Mechanismen - umgibt sich mit Leuten, denen er blind vertrauen kann. Man hilft einander, jeder ist mal dran. Auch wildfremden Leuten gibt er das Gefühl, dazuzugehören.

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