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Vietnambesuch : Clinton wagt einen Neuanfang

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Bill Clinton will derzeit beweisen, dass er keine lahme Ente ist. Die Reise des Noch-Präsidenten der USA zum früheren Feind Vietnam ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung.

          Als erster Präsident der USA besucht Bill Clinton das wiedervereinigte Vietnam. 33 Jahre nachdem die letzten amerikanischen Truppen das Land verließen, bringt der Oberkommandierende eine schwere emotionale Last mit - die Erinnerung an 58 000 amerikanische Tote des Vietnam-Krieges. Auch für Vietnam sind 25 Jahre nach dem Ende des Konfliktes in Indochina die Wunden noch lange nicht vernarbt.

          Die Bedeutung der historischen Reise liegt darin, dass beide Seiten einen Neuanfang auf höchster Ebene besiegeln. „Vietnam sollte nicht nur als ein Krieg gesehen werden, sondern auch als ein Land“, sagt Clintons Sicherheitsberater Samuel Berger den Kritikern. „Wir schließen hier kein Kapitel, wir öffnen ein neues Kapitel in unseren Beziehungen.“ Washington wolle jene in Vietnam ermutigen, „die eine wirtschaftliche und politische Öffnung des Landes riskiert haben“.

          Noch herrscht keine Normalität

          Völlig normal sind die Beziehungen noch lange nicht - auch wenn Clinton schon am 11. Juli 1995 die Normalisierung eingeleitet hat, es seit Januar 1995 Botschaften gibt und ein am 13. Juli 2000 abgeschlossenes Handelsabkommen auf seine Ratifizierung wartet. Noch immer werden jährlich 2000 Vietnamesen durch Landminen oder Munition aus der Zeit des Krieges getötet oder verletzt. Die sterblichen Überreste von 1506 US-Kriegsopfern sind noch nicht geborgen, 913 gelten weiter als vermisst. Clinton wird in Hanoi eine Ausstellung über Maßnahmen gegen die Landminen besichtigen. Außerhalb der Hauptstadt wird er ein Reisfeld aufsuchen, wo ein amerikanisches Flugzeug niedergegangen war und jetzt nach den Opfern gesucht wird.

          Hanoi erwartet finanzielle Unterstützung

          Das offizielle Vietnam erwartet von dem hohen Gast finanzielle Unterstützung. „Mit Blick auf die gravierenden Konsequenzen des Krieges in Vietnam benötigend wir dringend humanitäre Hilfe“, ließ Außenminister Nguyen Dy Nien mitteilen, und das „schneller und in größerem Umfang“. Die Spätfolgen des dioxinhaltigen Entlaubungsmittels „Agent Orange“, von dem die US-Streitkräfte zwischen 1961 und 1971 allein etwa 40 Millionen Liter auf die Baumkronen Südvietnams gesprüht haben, sind verheerend. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes leiden bis heute rund eine Millionen Menschen unter dem Gift, darunter mehr als 100 000 Kinder. Doch noch immer erkennen die USA offiziell nicht an, dass der „Agent Orange“-Einsatz Ursache ist für Missbildungen, geistige und körperliche Behinderungen und Krebs.

          Vietnam zählt zu den ärmsten Staaten der Welt

          Aus eigener Kraft kann sich das Land kaum helfen. Trotz eines erwarteten Wirtschaftswachstums von knapp sieben Prozent in diesem Jahr zählt Vietnam mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 300 US-Dollar noch immer zu den ärmsten Staaten der Welt. Mit dem internationalen Ansehen als Wirtschaftsstandort ist es nicht weit her. „Vietnam ist eine der am meisten abgeschotteten, ineffizientesten Ökonomien überhaupt“, schrieb das „Asian Wall Street Journal“. Durch das Handelabkommen verspricht sich Vietnam einen Exportboom vor allem von Textilien in die USA. Gleichzeitig soll der Vertrag bislang streng kontrollierte Bereiche wie Kommunikation für ausländische Anleger öffnen.

          Kritik von Regimegegnern

          Die Zeit drängt: In diesem Jahr fielen die Auslandsinvestitionen auf rund 507 Millionen Dollar und damit auf etwa die Hälfte des Vorjahreszeitraums zurück. Die Investoren seien über das schleppende Tempo der Reformen enttäuscht, mahnt Clintons Wirtschaftsberater Gene Sperling. „Wir können helfen, Leute hinzubringen, sie müssen sie überzeugen, dass es sich lohnt.“ Die US-Hilfe wird nicht von allen in Vietnam ohne Einschränkung befürwortet. Der prominente Regimegegner und Buddhistenmönch Thich Quang Do stellte Clinton in einem offenen Brief vor die Wahl, entweder dem kommunistischen Regime zu helfen, die Demokratie zu ersticken. „Oder Sie unterstützen die 78 Millionen Vietnamesen in ihrem Ruf nach Menschenrechten und Freiheit und setzen damit einen Markstein in der Menschheitsgeschichte.“

          Doch an der großen Masse der Menschen selbst in der Hauptstadt wird der Besuch wohl unbemerkt vorbeigehen, trotz des gewaltigen Trosses von 2000 Begleitern im Schlepptau des Präsidenten. Obstverkäufer Nguyen Thi Ly gibt sich ahnungslos: „Kommt der aus den Vereinigten Staaten oder aus Frankreich?“



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