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Verwandtenehen : Darüber spricht (und forscht) man nicht

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.S.

Wenn Cousin und Cousine Kinder kriegen, steigt das Risiko eines Gendefekts. Und tatsächlich: Viele Kinder mit Erbkrankheiten stammen aus Verwandtenehen. Die sind bei Einwanderern Tradition.

          In einem Pariser Vorort wurde im Januar ein Baby mit dem Namen „Hoffnung“ geboren, das im Reagenzglas gezeugt worden war. „Hoffnung“ auf was? Die Ärzte hatten den Embryo so selektiert, dass er nicht an der genetischen Blutkrankheit seiner beiden älteren Geschwister erkranken kann und damit als Blutspender für sie in Frage kommt. Viel wurde darüber debattiert, ob dieser Eingriff ethisch vertretbar war. Die Eltern der Kinder sind türkische Einwanderer, über ihren Hintergrund ist nicht viel bekannt. Die beiden älteren Geschwister leiden an einer Beta-Thalassämie, die auch Mittelmeeranämie genannt wird, weil sie im Mittelmeerraum eine höhere Genfrequenz hat. Sie tritt bei Kindern aus Verwandtenehen häufiger auf als bei Kindern von nicht blutsverwandten Eltern. Darüber wurde nicht gesprochen.

          Die Ehe zwischen Verwandten und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken sind nach wie vor ein Tabuthema. Die Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexpertin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stefanie Vogelsang, bedauert das. „Wir müssen das Thema Verwandtenehe endlich offen, aber auch sensibel angehen“, fordert sie daher: „Wenn Cousin und Cousine heiraten, wissen sie oft nicht, worauf sie sich einlassen.“ Frau Vogelsang plädiert daher für mehr Aufklärung über Verwandtenehen. Wüssten türkische, aber auch libanesische oder irakische Familien mehr über die gesundheitlichen Risiken, meint die CDU-Politikerin, würden sie vielleicht weniger darauf beharren, dass ihre Kinder Verwandte heiraten.

          Unterstützer sprangen wegen Drohungen ab

          Frau Vogelsang verweist auf die Aufklärungskampagne der jungen Duisburger Sozialwissenschaftlerin Yasemin Yadigaroglu. Die 29 Jahre alte Doktorandin, die auch für ein Bildungswerk arbeitet, hat vor ein paar Jahren Postkarten bedrucken lassen, auf denen Einwanderer zu sehen sind: „Mein Kollege soll seine Kusine heiraten. Und will nicht, das ist krass“ oder: „Ich liebe meine Kusine. Aber nicht als Ehefrau!“ Damit ist sie an nordrhein-westfälische Schulen gegangen. Immer wieder beschwerten sich Eltern oder religiöse Gemeinden darüber als „Einmischung in familiäre Angelegenheiten“. Immer wieder kamen nach dem Unterricht aber auch Jugendliche zu ihr, die erzählten, sie seien schon einem Verwandten versprochen. Auch unter Tamilen, Griechen und in den alevitischen Gemeinden komme das vor, sagt Frau Yadigaroglu. Nach ihrer Meinung ist es deswegen falsch, die Diskussion nur auf türkischstämmige Migranten zu verengen.

          Obwohl sie für ihr Projekt 2008 den Studentenwerkspreis erhalten hat und im vergangenen Jahr sogar vor den Deutschen Ethikrat geladen wurde, ist es fast zum Erliegen gekommen. Wegen Drohungen oder Beschwerden seien Unterstützer abgesprungen, sagt Frau Yadigaroglu. Wie etwa die lokale Volkshochschule. Und auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2010 in Berlin sei sie gebeten worden, ihren Vortrag nicht „Verwandten-Ehe“ zu nennen, sondern „Eheschließung unter Migranten“. Eine Verschlimmbesserung. Auch einen Doktorvater für ihr Thema hat Frau Yadigaroglu nicht gefunden. Sie erforscht nun stattdessen das ehrenamtliche Engagement von Einwanderern in Deutschland. Viel lieber hätte sie sich empirisch der Verwandtenehe angenommen, doch auch von Gender-Lehrstühlen wurde sie mit dem Argument abgelehnt, dazu gebe es keine Zahlen. Also bitte nicht erforschen, was nicht erforscht ist?

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