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Verwandtenehen : Darüber spricht (und forscht) man nicht

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Einen genauen Blick auf die medizinischen Folgen genetisch vererbter Defekte hat Rainer Rossi, Chefarzt der Kinderklinik am Vivantes Klinikum Neukölln, die mit etwa 3400 Geburten im Jahr eine der größten Geburtskliniken Deutschlands ist. Rossi lässt seit einem guten Jahrzehnt immer wieder Stammbäume der von ihm betreuten Kinder erstellen, die Gendefekte geerbt haben. Oft ist dann ein Kind schwer krank oder sogar gestorben, oft waren die Eltern miteinander verwandt, und oft wird das erst nach vielen Gesprächen offenbar. Nicht selten sind diese Familien Einwanderer. Auch wird die „Schuld“ meist der Frau gegeben, obwohl die Vererbung vieler solcher Krankheiten die genetische Anlage von beiden Eltern erfordert.

Eine Statistik über diese Fälle führt Rossi nicht, sein Auftrag ist die Grundversorgung. Doch gehören Krankheiten durch konsanguine Verbindungen seit vierzehn Jahren zu seinem Alltag. Es sind Krankheiten, die oft schwere körperliche Beeinträchtigungen verursachen wie das Familiäre Mittelmeerfieber, das chronische Entzündungen bis zum Nierenversagen hervorruft. Andere führen zu schweren geistigen Behinderungen, oder sie lassen die Kinder apathisch werden.

„Heiratet fremde Frauen, dann werdet ihr nicht schwach“

„Nicht die Verwandtenehe als solche macht krank“, sagt Rossi, „sondern die genetischen Strickfehler gleicher Art, die immer weitergegeben werden.“ Die meisten dieser Erkrankungen beruhen darauf, dass ein Kind die Erbanlage hierzu von beiden Eltern erhält. Die Eltern selbst sind symptomfrei, da sie ja eine gesunde, normale Genkopie haben, die den Defekt überspielt. Sind aber die Eltern miteinander verwandt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass beide Eltern zufällig einen identischen „Strickfehler“ haben, größer als bei einer Ehe zwischen nichtverwandten Partnern: Genau das macht die „Gefährlichkeit“, nämlich das erhöhte Risiko aus, angeborene Erkrankungen weiterzugeben. Wünscht sich eine Familie weitere Kinder, rät Rossi zur Pränataldiagnostik.

Es sei nicht seine Aufgabe, von einer Schwangerschaft abzuraten, findet Rossi. Seine Aufgabe sei, die Patienten aufzuklären. Andere Mediziner vermissen diese umfassende Aufklärung der Frauen. So hat die türkischstämmige und in Nürnberg niedergelassene Pränataldiagnostikerin Neslisah Terzioglu, ehemals Oberärztin und Leiterin des Modellprojektes zur „Verbesserung präventiver Maßnahmen bei schwangeren Migrantinnen“ am Klinikum Nürnberg, beobachtet, dass Frauen ausländischer Herkunft behinderte Kinder seltener abtreiben lassen. Die meisten Frauen würden erst während der Schwangerschaft zum ersten Mal über die genetischen Risiken der Verwandtenehe informiert. Hier gebe es eine erhebliche Aufklärungslücke, sagt Frau Terzioglu.

In der Türkei gibt es wegen der vielen Verwandtenehen vor allem auf dem Land schon eine staatliche Aufklärung, die aber rechtlich umstritten ist. Brautpaare werden vom Gesundheitsamt vor der Hochzeit über genetische Risiken aufgeklärt und nach geistigen Behinderungen in der Familie befragt. Doch es gibt auch eine traditionelle Antwort auf die Frage nach der Hochzeit innerhalb der Verwandtschaft. Wie der Islamwissenschaftler Patrick Franke sagt, wird sie in der religiösen Literatur auf den Propheten zurückgeführt, obwohl sie sich nicht im Koran und auch nicht in den Überlieferungen über Mohammed, den Hadith-Sammlungen, finden lasse. Sie lautet: „Heiratet fremde Frauen, dann werdet ihr nicht schwach.“

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