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Verwandtenehen : Darüber spricht (und forscht) man nicht

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Außerdem: Eine Zahl gibt es sehr wohl. Etwa jede vierte türkischstämmige Frau in Deutschland ist mit einem Verwandten verheiratet. Das ergab eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Familienplanung und Migration im Lebenslauf von Frauen. Im vergangenen Oktober wurde sie in Berlin vorgestellt. Befragt wurden etwas mehr als 800 türkischstämmige Frauen in Deutschland. Ergebnis: In der ersten Generation war die Verwandtenehe mit 33 Prozent weiter verbreitet als in der zweiten Generation mit zehn Prozent. Auch gingen diese Ehen häufiger niedrig qualifizierte Frauen ein und solche, die auf dem Land aufgewachsen waren. Nach dem Grad der Verwandtschaft wurde nicht gefragt.

Überhaupt nicht gesprochen aber wird über das zusätzliche Risiko, dass Kinder behindert auf die Welt kommen. Hier aufzuklären fällt besonders schwer, denn rechtlich handelt es sich in der Tat um Familienangelegenheiten. In keinem europäischen Land ist die Hochzeit zwischen Vettern und Kusinen strafbar. Deshalb darf der Staat sie auch nicht erfassen. In Deutschland ist nur die Ehe zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kindern sowie zwischen Großeltern und Enkeln verboten. Dass man aber überhaupt innerhalb der Verwandtschaft heiratet, ist den Deutschen aber fremd geworden. In traditionellen islamischen Gesellschaften dagegen ist die Verwandtenehe bis heute weit verbreitet - wobei auch der Koran die Heirat innerhalb der engsten Familie verbietet. Ein prominentes Vorbild für den anerkannten Weg war Fatima, die vierte Tochter des Propheten Mohammed aus dessen erster Ehe. Fatima wurde mit dem Sohn ihres väterlichen Großonkels verheiratet. Diese Ehe hat den ethnologischen Terminus „Parallelkusinenheirat“ oder „Bint-amm-Ehe“. Durch sie konnte das Vermögen in der väterlichen Familie bleiben.

Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung

Je traditioneller eine islamische Gemeinschaft lebt, desto mehr Verwandtenehen scheint es zu geben. In der Türkei schätzt man ihre Häufigkeit auf 20 bis 30 Prozent, in Oman liegt sie um das Zwei- bis Dreifache höher, wie der Direktor des Instituts für medizinische Genetik der Berliner Charité, Stefan Mundlos, sagt. Für das kleine Land bedeute das ein immenses Problem, da bei verwandten Eltern das Risiko, Kinder mit angeborenen Krankheiten zu bekommen, doppelt so hoch sei wie bei nicht blutsverwandten Eltern.

Über das Ausmaß der Behinderungen von Kindern blutsverwandter Eltern in Deutschland gibt es nur wenige Untersuchungen mit gesicherten Zahlen. Es sei extrem schwierig, diese Fälle statistisch zu erfassen, findet Mundlos. Die oft zitierten Statistiken aus den Praxen von humangenetisch und pränatal beratenden Privatärzten, zu denen natürlich oft auch blutsverwandte Paare gehen, hätten keine Bezugsgröße und seien daher wenig aussagekräftig. Auch in wissenschaftlichen Untersuchungen wird meist sehr zurückhaltend geurteilt. So vermuten die Autoren des jüngsten Berichts des Robert-Koch-Instituts zu Migration und Gesundheit, dass Verwandtenehen der Grund dafür sein könnten, dass 2004 in einem pädiatrischen Stoffwechselzentrum in Düsseldorf ein Fünftel aller Kinder türkischer und kurdischer Herkunft gewesen seien. Angeborene Stoffwechselerkrankungen und weitere genetische Erkrankungen werden gehäuft bei türkischstämmigen Kindern, aber auch bei Kindern aus dem Mittleren und Nahen Osten und aus Nordafrika beobachtet, heißt es in dem Bericht.

Meist hat die Frau „Schuld“

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