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: Versöhnung mit Hand und Fuß

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WARSCHAU, 12. April. "Ich kann Ihnen jetzt die Hand reichen", sagte der Kandidat. "Ich kann Ihnen den Fuß reichen", antwortete der Präsident. Auch zehn Jahre später ist dieser Dialog aus dem Jahr 1995 zwischen dem damaligen polnischen ...

          WARSCHAU, 12. April. "Ich kann Ihnen jetzt die Hand reichen", sagte der Kandidat. "Ich kann Ihnen den Fuß reichen", antwortete der Präsident. Auch zehn Jahre später ist dieser Dialog aus dem Jahr 1995 zwischen dem damaligen polnischen Präsidenten Lech Walesa und seinem Herausforderer, dem jetzigen Staatsoberhaupt Aleksander Kwasniewski, noch ein Kronjuwel im politischen Anekdotenschatz des Landes. Walesa, das Idol des Widerstandes, und Kwasniewski, ehemals hoher Funktionär der Diktatur, hatten sich damals am Höhepunkt des Wahlkampfs zur Fernsehdebatte getroffen. Trotz aller pflichtgemäßen demokratischen Gesprächsbereitschaft aber erwies sich ihre alte Feindschaft als unverwunden. Walesa hat deshalb nach Ende der Debatte die angebotene Hand Kwasniewskis vor laufender Kamera ausgeschlagen.

          Die Formulierung mit dem "Fuß" war eine jener selbsterfundenen Redensarten, die ihn als Arbeiterführer ebenso populär gemacht hatten, wie sie ihm später als Präsident schadeten. Die Feindschaft der Präsidenten ist seither eine der wenigen Konstanten der polnischen Politik gewesen. Um so unglaublicher erscheint es nun, daß Walesa und Kwasniewski allen Ernstes Anstalten machen, sich zu versöhnen.

          Die Sache hat natürlich mit dem Papst zu tun, sie ist eines jener Versöhnungsmirakel, von denen Polen voll ist, seit die Trauer um Johannes Paul II. das Land vereint. Den ersten Schritt hatte Kwasniewski gemacht. Kurz nach dem Tode Karol Wojtylas ließ er mitteilen, es sei sein Wunsch, als Zeichen der nationalen Aussöhnung auch Walesa im Präsidentenflugzeug zur Trauerfeier nach Rom mitzunehmen. Walesa lehnte zunächst ab, besann sich dann aber und flog mit. Im Vatikan ist dann unter den Blicken der Nation jene Geste nachgeholt worden, die 1995 noch unmöglich war: Walesa und Kwasniewski reichten sich die Hände, und Walesas Fuß blieb, wo er hingehört, nämlich auf dem Boden.

          Dieser Händedruck hat nun Folgen. Denn Walesa wäre nicht Walesa, wenn er nicht den Drang verspürt hätte, die große Geste Kwasniewskis mit einer noch größeren zu vergelten. So hat er also der Einladung nach Rom eine Gegeneinladung folgen lassen: zur Feier zum 25. Jahrestag der Gründung der Gewerkschaft "Solidarnosc" im Sommer nach Danzig. Diese Einladung hat die polnische Rechte gehörig durcheinandergebracht. Deren Plan war eigentlich gewesen, Kwasniewski, der trotz der Talfahrt der polnischen Postkommunisten immer noch überaus populär ist, vor den Präsidentenwahlen im Herbst durch permanente Infragestellung seiner persönlichen Integrität zu beschädigen. Vor allem der momentan aussichtsreichste Kandidat der Rechten, der Warschauer Bürgermeister Lech Kaczynski, ein früherer Aktivist der "Solidarnosc", sollte davon profitieren. Zum "Solidarnosc"-Jubiläum in Danzig sollten deshalb Staats- und Regierungschefs aus aller Welt geladen werden, nicht aber der Präsident Polens.

          Walesas Vorstoß bringt diesen Plan nun durcheinander. Die Führung der "Solidarität" ist nicht begeistert, und ihr Vorsitzender Janusz Sniadek hat schon angekündigt, er werde Kwasniewski "keine Einladung schicken". Walesa, dessen Institut zu den Organisatoren des Jubiläums gehört, sagt dazu nur, seine früheren Kampfgenossen könnten "ruhig protestieren", er aber lade ein, wen er wolle. Kwasniewski jedenfalls hat schon positiv reagiert: Wenn eine Einladung komme, werde er sie natürlich annehmen.

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