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Verhaftungen in Kairo : Wegen Beleidigung des Islams verurteilt

  • -Aktualisiert am

Demonstranten in Kairo protestieren gegen den Mohammed-Schmähfilm Bild: dpa

In Kairo hat der Mohammed-Schmähfilm weitere Folgen: Ein Kopte wird verhaftet, aber auch ein muslimischer Prediger soll sich verantworten. Die Muslimbrüder wissen den Fall für sich zu nutzen.

          In Ägypten lassen die Behörden keinen Zweifel daran, dass sie eine Wiederholung der jüngsten gewalttätigen Proteste gegen den Schmähfilm „The Innocence of Muslims“ nicht dulden werden. Mehr als hundert Demonstranten, die wegen der Ausschreitungen vor der amerikanischen Botschaft in Kairo verhaftet und nun teilweise gegen Kaution freigelassen wurden, sollen bald vor Gericht gestellt werden. Auch ein Christ soll zur Verantwortung gezogen werden. Es ist der fünfundzwanzigjährige Kopte Albert Saber, ein bekannter demokratischer Aktivist und Mitglied der säkularen „Verfassungspartei“ Mohammed El-Baradeis.

          Während der Proteste vergangener Woche belagerten über fünfzig junge Ägypter im Kairoer Stadtviertel El-Marg das Haus, in dem Saber mit seiner Mutter lebt. Es hieß, er habe das Schmähvideo auf seiner Facebook-Seite angezeigt. Die aufgebrachte Menge skandierte islamische Parolen und drohte, Sabers Wohnung zu stürmen. Anscheinend war er derjenige, der aus Angst um sich und seine Mutter die Polizei zu Hilfe rief. Die Polizisten hatten denn auch sichtlich Mühe, Saber durch die Masse der Demonstranten zu ihrem Wagen zu führen. Ein auf der Facebook-Seite der Polizeistation von El-Marg zu sehendes Video belegt, dass einige Protestierende, unter „Allahu akbar“-Rufen, auf Saber einzuschlagen versuchten. Seit Samstag befindet er sich in Untersuchungshaft, die vorläufig auf fünfzehn Tage befristet ist.

          Saber beteuert seine Unschuld

          Saber weist den Vorwurf der Gotteslästerung mit dem Hinweis zurück, Hacker hätten den umstrittenen Film auf seine Facebook-Seite gestellt. Er ist kurz nach seiner Verhaftung in Hungerstreik getreten. Seine Mutter und mehrere Menschenrechtsorganisationen fordern seine Freilassung. Sabers Mutter hat Anzeige gegen die Ortspolizisten erstattet und beschuldigt diese, ihren Sohn gefoltert und andere Inhaftierte auf ihn gehetzt zu haben.

          Sabers Fall war auch eines der Diskussionsthemen bei einem Treffen führender koptischer Intellektueller mit dem ägyptischen Vizepräsidenten Mohammed Maki Anfang der Woche, auf dem über Maßnahmen zur Beruhigung der Lage nachgedacht wurde. Aus der Sicht dieser koptischen Wortführer beleidigt das Schmähvideo nicht nur den Islam, sondern auch das Christentum. Um Albert Saber machen sie sich vor allem deshalb große Sorgen, weil ein ägyptisches Gericht zu Wochenbeginn den koptischen Lehrer Bishoy Kamel zu sechs Jahren Haft verurteilt hat.

          Ihm wird sowohl Beleidigung des ägyptischen Präsidenten Mursi als auch des Islams zur Last gelegt. Er soll Comicstreifen auf seine Facebook-Seite gestellt haben, die den islamischen Propheten beleidigen. Wie Saber beteuert auch Kamel seine Unschuld und führt zu seiner Verteidigung an, Unbekannte hätten seine Internetseite gehackt und die blasphemischen Inhalte dort plaziert. Sein Anwalt hat Berufung gegen das Urteil eingelegt.

          Klare Grenzen für die Meinungsfreiheit

          In umgekehrter Richtung haben ägyptische Menschenrechtler nun Anzeige gegen den Salafisten-Scheich Abu Islam Ahmed Abdallah erstattet. Er ist Mitinhaber des islamisch-missionarischen Senders „Al Ummah“, der erklärtermaßen alle Formen von „Christianisierung und Freimaurerei“ bekämpft. Dem islamistischen Prediger, der schon mehrmals wegen seiner Hetztiraden gegen Christen verklagt wurde, wird vorgeworfen, auf der Demonstration vor der amerikanischen Botschaft in Kairo gegen den Schmähfilm eine Bibel verbrannt zu haben.

          Auch wenn die regierenden Muslimbrüder um eine Beruhigung der Lage bemüht sind, so versuchen sie ihren Nutzen aus der Aufregung um den Mohammed-Film zu ziehen. So nutzt jetzt Rafiq Habib - Protestant, stellvertretender Vorsitzender der Muslimbrüder-Partei und seit neuestem Mitglied des Beraterteams von Präsident Mursi - den Fall für die Apologetik, die er seit geraumer Zeit im Sinne der Muslimbrüder betreibt. Auf seiner Internet- wie auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht der christliche Intellektuelle seit mehreren Wochen Pamphlete, in denen er für ein politisches System mit einem „islamischen Referenzrahmen“ wirbt.

          Nur eine solche islamisch wie demokratisch orientierte Regierungsform, behauptet er, komme für Ägypten in Frage, schon deshalb, weil sie auch historisch gesehen die authentischste sei. In einem solchen politischen System, meint Habib, müssten der Meinungsfreiheit - vor allem, was die Religion anbelangt - klare Grenzen gesetzt werden. So habe der rechtliche Schutz vor Beleidigung, den im Westen vor allem der einzelne Mensch genieße, im islamischen Orient in erster Linie für die Religion zu gelten, lautet Habibs jüngste Stellungnahme zum Streit um den Schmähfilm.

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