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„Klimadialog“ in Bonn : Subglobale Allianzen der Willigen

Die Lehren aus Kopenhagen offen ansprechen: Die Minister auf dem Petersberg Bild: APN

Nach dem Scheitern der UN-Klimakonferenz von Kopenhagen geht es beim „Klimadialog“ auf dem Petersberg um Klimaschutz jenseits der globalen Einigung. Erste Ermüdungserscheinungen sind zu spüren: Das Misstrauen der Entwicklungsländer scheint zu groß.

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          Nur einige wenige Demonstranten stehen an der Auffahrt zum Petersberg. Sie haben einen Globus aus Pappe in einen Kochtopf gesteckt und halten ein Transparent, auf dem auf Englisch steht: „Zwei Grad versprochen, 3,5 Grad riskierend“. Auch in dem im Wald versteckten Nobelhotel oben auf dem Petersberg ist von dem Ziel die Rede, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen - Kanzlerin Merkel spricht es gleich in ihrer Eröffnungsrede des „Petersberger Klimadialogs“ an. Dieses Ziel steht in der „Kopenhagener Übereinkunft“, jenem Papier, das am Ende der UN-Klimakonferenz Ende vergangenen Jahres von den 193 Teilnehmerstaaten „zur Kenntnis genommen“ wurde.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Die Klimakonferenz von Kopenhagen hat die globalen Klimaschutzverhandlungen dem Scheitern offenbar näher gebracht als einem Erfolg. Seit der Konferenz im Dezember haben zwar mehr als 70 Staaten im Rahmen der „Kopenhagener Übereinkunft“ Reduktionsziele im Klimasekretariat der Vereinten Nationen in Bonn hinterlegt. Doch auch wenn diese Staaten zusammen für beinahe 90 Prozent des globalen Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sein sollen, so verfehlen ihre Zusagen doch das Zwei-Grad-Ziel. „Je nachdem, wie man rechnet, sind wir bei drei bis vier Grad“, sagte Frau Merkel auf dem Petersberg.

          Globale Verhandlungen und kleine Runden

          Mehrere Jahre war das Ziel aller Verhandlungen zum Klimaschutz, in Kopenhagen eine Einigung zu erzielen. Nach dem Scheitern der Konferenz sind Ermüdungserscheinungen zu spüren. Zu groß scheinen die Risse zwischen China, Indien, Amerika und Europa, die in Kopenhagen sichtbar wurden, zu groß das Misstrauen der Entwicklungsländer gegenüber den Industriestaaten. Die unbewiesenen Vorwürfe, führende Klimaforscher hätten Studien manipuliert, brachte die Klimaschützer in die Defensive. Hinzu kommt, dass seit Monaten gerätselt wird, wer künftig das UN-Klimasekretariat der Vereinten Nationen leiten soll. Der bisherige Chef Yvo de Boer hat seinen Rücktritt für den Sommer angekündigt. Seine Entscheidung, so sagt er, habe nichts mit dem Misserfolg von Kopenhagen zu tun.

          Angela Merkel: „Je nachdem, wie man rechnet, sind wir bei drei bis vier Grad”
          Angela Merkel: „Je nachdem, wie man rechnet, sind wir bei drei bis vier Grad” : Bild: dpa

          Der „Klimadialog“ auf dem Petersberg solle den stockenden Verhandlungsprozess wieder beleben, sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen in Bonn. Doch daneben wird dort auch ein neuer Ansatz getestet. Vor Kopenhagen stand in den Verhandlungen immer ein umfassendes, globales Abkommen im Zentrum. Nun sollen neben die globalen Verhandlungen auch Gespräche in kleinen Runden treten: Konkrete Projekte, etwa zum Schutz des Regenwalds sollen schon vor der ganz großen Einigung zwischen einzelnen Ländern vereinbart werden. „Verhandeln und Handeln“, nennt Röttgen diese Strategie.

          Ein globales Abkommen muss das Ziel bleiben

          Am vergangenen Donnerstag hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltfragen (WBGU) dem Umweltminister ein Strategiepapier mit dem Titel „Klimapolitik nach Kopenhagen - Auf drei Ebenen zum Erfolg“ überreicht. In diesem Papier fordern die Wissenschaftler auch „Subglobale Allianzen von Klimapionieren“: „Zur Zeit blockieren sich die USA und China gegenseitig - und damit auch die globale Klimapolitik“, heißt es darin. Ein Ausweg könnten daher „Modellallianzen“ mit willigen Staaten weisen.

          Dieser Ansatz finde auch Zustimmung bei den Nichtregierungsorganisationen. „So kann neue Dynamik in den Verhandlungsprozess gebracht werden“ sagt Martin Kaiser, Koordinator für Klimapolitik bei Greenpeace Deutschland. Schließlich könne man mit dem Klimaschutz nicht warten, bis die Blockierer eines globalen Abkommens einlenkten. Kaiser sagt aber auch, dass ein globales Abkommen das Ziel bleiben müsse - und dass die EU in den Verhandlungen mit gutem Beispiel vorangehen solle.

          Aussprache hinter verschlossenen Türen

          Auch in dem Gutachten des WBGU wird die EU aufgefordert, ihre die Zusagen zur Reduktion des Kohlendioxidausstoßes von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen - und zwar ohne Vorbedingungen. Röttgen hat schon erkennen lassen, dass er zu diesem Schritt bereit sei. Die nächste UN-Klimakonferenz findet Ende diesen Jahres im mexikanischen Cancún statt. Doch in manchen Delegationen gibt es schon jetzt Zweifel an einem Erfolg dort. Dann wird schon mal auf eine andere Zielmarke verwiesen - auf Südafrika, das Gastgeberland der übernächsten Klimakonferenz im Jahr 2011. Ein Jahr darauf läuft das Kyoto-Protokoll aus.

          Auf dem Petersberg sollten bis zu diesem Dienstag die Regierungsvertreter aus mehr als 40 Staaten vor allem hinter verschlossen Türen erst einmal offen aussprechen, was sie trennt und was sie aus Kopenhagen gelernt haben. So diene das Treffen auf dem Petersberg auch der „Vertrauensbildung“, sagte Röttgen. Denn „Misstrauen ist eine Erfahrung, die ich in Kopenhagen gemacht habe“.

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