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Frauen in der Arbeitswelt : Schlechte Jobs, schlechte Bezahlung

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Beschäftigung zu Hungerlöhnen, schlechte Jobs, kaum Aufstiegschancen: Die Benachteiligung der Frau in der Arbeitswelt ist ungebrochen. In Deutschland gilt dies sogar, obwohl Frauen hierzulande im Durchschnitt eine höhere Bildung haben als Männer.

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          Frauen werden nach einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in der Arbeitswelt weiterhin stark benachteiligt und überdurchschnittlich häufig zu Niedrigstlöhnen beschäftigt.

          In Hinblick auf Löhne, Arbeitsplatzsicherheit, Status und Ausbildung bestehe nach wie vor eine gewaltige Kluft zwischen Frauen und Männern. Darauf verweist die UN-Organisation in einer Studie, die am Donnerstag in Genf anlässlich des Internationalen Frauentages veröffentlicht wurde. Auch in Deutschland werden Frauen seltener eingestellt, rücken seltener in Führungspositionen vor und verdienen deutlich weniger Geld als Männer - und dies trotz besserer Bildung.

          „Immer noch zu viele Barrieren“

          Hierzulande beträgt das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen 22 Prozent. Das ist deutlich mehr als der europäische Durchschnitt von 15 Prozent. Größer ist die Schere nur noch in Zypern, Estland und der Slowakei. Das geht aus dem ersten Gleichstellungsbericht der EU-Kommission hervor.

          Demonstration für Chancengleichheit der Frauen in Lahore, Pakistan

          Frauen seien die Antriebskraft beim Beschäftigungswachstum in Europa und besetzten drei von vier neu geschaffenen Arbeitsplätzen, berichtete in Brüssel der zuständige EU-Kommissar Vladimir Spidla. „Aber es gibt immer noch zu viele Barrieren, die sie daran hindern, ihr Potential voll auszuschöpfen“, kritisierte er. Zentrale Bedeutung misst der Bericht, der dem EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag vorgelegt werden soll, einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu.

          So sei es bemerkenswert, dass die Beschäftigungsquote von Frauen zwischen 20 und 49 Jahren um 15 Prozent zurückgehe, wenn sie ein Kind haben, während die der Männer um sechs Prozent steige. Auch seien Frauen mit knapp 33 Prozent weitaus häufiger in Teilzeit beschäftigt als Männer (7,7 Prozent). Als Haupthindernisse einer besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben nennt der Bericht unter anderem den Mangel an Kinderbetreuungseinrichtungen, finanzielle Faktoren, Karrierenachteile und Probleme bei der Rückkehr in den Beruf.

          Noch nie so viele Frauen auf dem Arbeitsmarkt

          „Trotz einiger Fortschritte bleiben immer noch viel zu viele Frauen auf den am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten sitzen“, kommentierte ILO-Generaldirektor Juan Somavia die internationale Situation der Frauen.

          Der Untersuchung „Globale Beschäftigungstrends bei Frauen“ zufolge waren noch nie so viele Frauen auf den Arbeitsmärkten aktiv, was bedeutet, dass mehr Frauen denn je einer Erwerbsarbeit nachgehen oder Arbeit suchen. Die ILO schätzt, dass im Jahr 2006 1,2 Milliarden der insgesamt 2,9 Milliarden Erwerbstätigen auf der Welt Frauen waren.

          Debatte im Bundestag

          Unterdessen haben Politikerinnen im Bundestag gleichen Lohn für Männer und Frauen gefordert. Sie verwiesen am Donnerstag in Berlin darauf, dass viele Frauen keine Arbeitsstelle annehmen könnten, weil nicht ausreichend Betreuungsplätze für Kleinkinder zur Verfügung stünden.

          Frauenministerin Ursula von der Leyen (CDU) beklagte, Frauen in Führungspositionen gebe es viel zu selten. Sie verwies aber auch auf Erfolge der Gleichstellungspolitik: „Frauen haben die Bildung erobert.“ Seit 1989 sei die Zahl der Frauen in deutschen Parlamenten „sprunghaft gestiegen“. Die Ministerin verlangte gleiche Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben. „Männer sind nicht nur Menschen, die im Beruf stehen“, sagte von der Leyen. „Sie haben ein Recht auf aktive Familienpolitik.“ Vehement wandte sich die Ministerin gegen Gewalt an Frauen. Gleichstellung heiße auch, die Garantie zu haben, „leben zu können, ohne Angst vor Gewalt“.

          Die frauenpolitische SPD-Sprecherin Christel Humme forderte, den Frauenanteil in der Erwerbstätigkeit zu vergrößern. „Frauen in Führungspositionen lassen sich nach wie vor nur mit der Lupe finden.“ In der Diskussion über Krippenplätze sei aber viel „in den Köpfen bewegt“ worden.

          Geschlecht als Karrierebremse

          Auch einer Studie der Unternehmensberatung Accenture zufolge ist es um die Chancengleichheit der Geschlechter nach wie vor schlecht bestellt. 26 Prozent der Frauen fühlen sich wegen des Geschlechts in ihrer Karriere benachteiligt, ergab eine Umfrage unter mehr als 2.200 Führungskräften in 13 Ländern. In Deutschland sind es sogar 27 Prozent (siehe nebenstehende FAZ.NET-Tabelle). Etwa jede vierte Frau sieht ihre Aufstiegschancen durch den Einsatz für Familie und Kinder beeinträchtigt.

          Männer dagegen fahren bei der Karriere auf der Überholspur, so die Studie: Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der befragten männlichen Führungskräfte meint schneller aufzusteigen als ihre Kolleginnen. In China sagen dies sogar beinahe alle Männer (90 Prozent). Frauen seien bei der Beurteilung ihrer Leistungen sehr kritisch und vielfach zu ehrlich. „So sehen Frauen eher die eigene Persönlichkeit als Grund für einen Karriereknick, während Männer dafür meist äußere Umstände verantwortlich machen“, heißt es in der Studie.

          Anhaltende Gewalt vor allem in der Familie

          Nach Einschätzung des Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird auch den speziellen Gesundheitsproblemen der Frauen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wie WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf mitteilte, sterben jedes Jahr mehr als eine halbe Millionen Frauen durch Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Diese Zahl habe sich in den vergangenen 20 Jahren kaum geändert.

          Hinzu komme, dass Frauen und Mädchen weiterhin anhaltender Gewalt vor allem in der Familie ausgesetzt seien. Deshalb sei der diesjährige Frauentag auch dem Kampf gegen die Gewalt etwa durch den Partner gewidmet, durch den es zu den meisten Übergriffen komme.

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