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Der Fall Dresden : Weltkulturerbe in Gefahr

  • -Aktualisiert am

„Ja um Welterbe”? - Die Unesco hat Dresden ein Ultimatum gestellt Bild: ddp

Das Welterbewesen befindet sich in einer Krise: Nicht nur der anmaßende Beschluss im Fall der Dresdner Waldschlösschenbrücke wirft ein grelles Licht auf die Inkonsequenz und Schlampigkeit der Kulturorganisation der Vereinten Nationen und die Widersprüchlichkeit ihres Vorhabens.

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          Die Welterbe-Konvention ist die mit Abstand erfolgreichste Initiative der Unesco. 184 Staaten haben das internationale „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ unterzeichnet.

          In die Liste des Welterbes werden Bauwerke und Landschaften aufgenommen, die als menschliche Kulturleistungen oder Naturphänomene einzigartig und schützenswert sind - wie etwa die Chinesische Mauer, die Tempel von Abu Simbel, das historische Zentrum von Straßburg, die Akropolis, das tansanische Naturschutzgebiet Ngorongoro oder der kanadische Nationalpark Wood Buffalo.

          Verstörender Absolutheitsanspruch

          Doch das Welterbewesen befindet sich in einer Krise; nicht nur wegen Dresden und der Waldschlösschenbrücke. Der Fall Dresden und seine Behandlung während der derzeitigen Sitzung des Welterbe-Komitees in Quebec werfen aber ein grelles Licht auf die Inkonsequenz und Schlampigkeit der Kulturorganisation der Vereinten Nationen und die Widersprüchlichkeit ihres Vorhabens.

          Verstörend ist der Absolutheitsanspruch der Entscheidung. Denn zuletzt ging es nur noch um die Scheinalternative, den Welterbe-Titel sofort abzuerkennen oder - wie nun geschehen - Dresden aufzufordern, den Bau der Brücke sofort zu stoppen und die für etwa 15 Millionen Euro errichteten Brückenteile wieder abzureißen. Sonst wird der Titel in einem Jahr aberkannt.

          Immerhin ist nun die Vorstellung, das Komitee könne mit einer Überarbeitung der Brückenpläne überzeugt werden, endgültig als Illusion entlarvt. In Quebec hat sich die absurde Idee von der absolut verbotenen Brücke endgültig durchgesetzt. Vielleicht sollte Dresden nach dem unabwendbaren Verlust des Titels selbstironisch damit werben, bald die erste völkerrechtswidrige Flussquerung der Welt zu haben.

          Unübersichtlich und zufällig

          Das Komitee, das als Gremium der Vertragsstaaten der Welterbe-Konvention darüber entscheidet, welche Stätten neu aufgenommen werden, auf die „Rote Liste“ des Welterbes in Gefahr gesetzt werden oder den Titel wieder aberkannt bekommen, mag sich als globale Kanonisierungsinstanz verstehen.

          Allein die gewaltige Zahl von mehr als 850 Stätten macht aber schon die Unübersichtlichkeit und Zufälligkeit der Veranstaltung deutlich. Beim Projekt Welterbe geht es tatsächlich um etwas noch Hehreres: Die (Kultur-)Völker dieser Welt sollen zu einer Gemeinschaft der universell Verantwortlichen zusammengeführt werden. Denn nicht nur das Land, dessen Stätten als Welterbe gelistet sind, verpflichtet sich zu fortdauernden Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen; auch die anderen Unterzeichnerstaaten der Konvention sind dazu im Rahmen ihrer Möglichkeiten verpflichtet.

          Seit 2004 müsste demnach allen Völkern der Vertragsstaaten das Dresdner Elbtal zwischen Pillnitz und Übigau am Herzen liegen. Es kam damals in Anerkennung seines Dreiklangs aus Fluss, Landschaft und Architektur auf die Welterbe-Liste, obwohl der Unesco bekannt war, dass eine zusätzliche Elbquerung geplant war.

          „Sich entwickelnde Kulturlandschaft“

          Der von der Unesco beauftragte Gutachter störte sich nicht an dem Vorhaben. Die Dresdner Stadtplaner fühlten sich auch deshalb auf der sicheren Seite, weil das Welterbe-Komitee das Elbtal in der neu geschaffenen Kategorie einer „sich entwickelnden Kulturlandschaft“ mit dem begehrten Titel auszeichnete.

          Erst nachdem sich Anfang 2005 in einem Bürgerentscheid zwei Drittel der Wähler für die zusätzliche Elbquerung ausgesprochen hatten, stieß sich die Unesco an dem Projekt. Ein Jahr später, 2006, wurde Dresden mit dem Argument auf die „Rote Liste“ gesetzt, die Brücke würde „Wert und Integrität“ des Gebiets irreversibel schädigen. So gerieten direkte Demokratie und Völkerrecht im Elbtal in einen unvorhergesehenen Konflikt. Als es in den Jahren 2006 und 2007 schon einmal um einen Baustopp ging, kamen mehrere Gerichte zu dem Ergebnis, der Bürgerentscheid sei höher zu gewichten als die Welterbe-Konvention.

          Ohne transparente Kriterien

          Aus Sicht der Unesco stellt der Fall Dresden die Verlässlichkeit des Welterbe-Vertragspartners Deutschland in Frage. Die Angelegenheit könnte deshalb unabsehbare Folgen für die (neben Dresden) 31 anderen deutschen Welterbe-Stätten und weitere Anwärter haben. Zu Selbstgerechtigkeit aber hat die Welterbe-Verwaltung keinerlei Anlass.

          Transparente Kriterien für die Aufnahme in die Liste gibt es nämlich noch immer nicht. Bei Bedarf besorgt man sich - wie auch bei der Waldschlösschenbrücke geschehen - einfach Gegengutachten nach dem Motto: Was interessiert das Welterbe-Komitee sein Beschluss von vergangenem Jahr? Selbst neu geschaffene Begriffe wie „sich entwickelnde Kulturlandschaft“ sind nicht definiert. Andererseits stellt nicht einmal die Welterbe-Konvention „nach Konzeption und Wortlaut“ einen „absoluten Schutz gegen jede Veränderung der eingetragenen Stätten des Kultur- und Naturerbes“ dar, wie das Bundesverfassungsgericht feststellte.

          Spätestens seit Quebec muss allen Welterbe-Stätten und -Anwärtern klar sein, dass das Welterbe-Komitee eine diffuse Ideologie der Historisierung und Musealisierung verfolgt und dabei die wirklichen Gefahren für das Kulturerbe auf der Welt aus dem Blick zu verlieren droht: Kriege, Überbevölkerung und Umweltzerstörung.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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