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Balkan : Kosovarische Seifenblasen

Hoffen auf Frieden und Stabilität in Mitrovica Bild: AP

Die Auflösung der UN-Mission wird das Kosovo in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen. Nur Optimisten glauben, die Lignitvorkommen bei Mitrovica könnten die von Hilfe abhängige Provinz in ein „Bahrein Europas“ verwandeln.

          4 Min.

          Wie genau die politische Zukunft des Kosovos aussehen wird, über die Serben und Albaner seit Jahresbeginn in Wien verhandeln, ist trotz der grundlegenden Weichenstellung Richtung Unabhängigkeit noch nicht entschieden. Längst deutlich ist aber, daß weder Serben noch Kosovo-Albaner diese Zukunft allein werden finanzieren können, denn die zu erwartende wirtschaftliche Entwicklung des Gebietes gibt zu Zuversicht kaum Anlaß.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Einer der wenigen Lichtblicke, behaupten die Optimisten, sei unterirdisch zu finden: Die großen und vergleichsweise leicht abbaubaren Lignitvorkommen sind von einigen ausländischen Wirtschaftsfachleuten als potentielle Einnahmequelle für die vor ihrer Aufwertung zum Staat stehende serbische Provinz gewertet worden. Diese Bodenschätze liegen zum Teil im von Serben kontrollierten Nordteil des Kosovos, was auch die Hartnäckigkeit erklärt, mit der sich die Politiker der albanischen Mehrheit gegen eine Teilung ihrer Heimat wehren. In den Minen bei Mitrovica fand vor der Aufhebung der Autonomie des Kosovos durch Slobodan Milosevic 1989 ein folgenreicher Bergarbeiterstreik statt.

          Das Kosovo als „Bahrein Europas“

          In einer Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau wird prognostiziert, durch den Bau eines modernen Kraftwerks könne das Kosovo fast ein Fünftel seines derzeitigen Bruttoinlandsprodukts durch den Export von Strom erwirtschaften. In einigen albanischen Medien auf dem Amselfeld wurde schon gejubelt, dem Kosovo stehe eine Zukunft als Bahrein Europas bevor.

          Arbeiten in Lipjane südlich der Hauptstadt Pristina
          Arbeiten in Lipjane südlich der Hauptstadt Pristina : Bild: REUTERS

          Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsstudien winkt spöttisch ab, wenn er darauf angesprochen wird. „Im Kosovo glauben tatsächlich manche, sie säßen auf einem riesigen Energiepotential und lebten in einem potentiellen Bahrein. Aber das sind Mythen.“ Die Vorkommen im Kosovo seien „von sehr geringer Qualität“, und der Abbau lohne nur, wenn ein Wärmekraftwerk direkt bei den Förderungsstellen entstünde. „Wenn man die Kohle noch transportieren muß, lohnt es sich schon nicht mehr“, sagt Gligorov, einer der führenden Spezialisten für Wirtschaftsfragen Südosteuropas.

          Zukunftsbranche „Menschen-Export“

          Deshalb habe er allzu optimistische Kosovaren und Ausländer stets vor übertriebenen Erwartungen gewarnt. Die wahrscheinlichste Zukunft für das Kosovo sei es wohl, „Menschen zu exportieren und von deren Überweisungen zu leben“. Aus der großen Diaspora des Kosovos fließe schon jetzt viel Geld zurück, sagt der Sohn des ersten mazedonischen Präsidenten Kiro Gligorov.

          Als weitere Notwendigkeit gilt Fachleuten zudem, das Kosovo zu einem Standort für arbeitsintensive Industrien zu entwickeln, denn die Lohnkosten sind gering. „Wenn man viele junge Leute und kein Kapital hat, liegt der relative Vorteil offensichtlich in der billigen Arbeitskraft“, sagt Gligorov. Im Kosovo spielt zwar auch die Landwirtschaft eine große Rolle, doch dominiert die Subsistenzwirtschaft, die nicht einmal gegen Importe aus Bulgarien bestehen kann.

          Auch die Infrastruktur und die Lage des Binnenlandes Kosovo bleiben eine Hürde. Der wichtigste Hafen für das Kosovo ist Thessaloniki, eine angemessene Verkehrsverbindung in die albanische Hafenstadt Durrës hingegen existiert nicht und wird in absehbarer Zeit auch nicht zu finanzieren sein. „Auch die Demographie ist ein Problem. Es ist eine sehr junge Bevölkerung, aber das Niveau der Ausbildung ist nicht hoch. Man müßte viel Geld in die Bildung investieren“, so Gligorov.

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