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Verbrechensserie vor Aufklärung : Heilbronn, Eisenach, Dönermorde

  • -Aktualisiert am

Wer hätte an die Döner-Morde gedacht, als ein ganz anderer Kriminalfall Deutschland in Atem hält? Als am vergangenen Freitag nach einem Überfall auf eine Filiale der Wartburg-Sparkasse in Eisenach zwei Polizeibeamte in einem nahe liegenden Neubaugebiet ein verdächtiges Wohnmobil entdecken, hören sie erst Knallgeräusche, dann dringen Qualm und Flammen aus dem Inneren.

Video-Aufnahmen von mehreren Banküberfällen

Nachdem der Brand gelöscht ist, finden die Polizisten in dem Wohnmobil die Leichen zweier Männer, dazu Geld aus mindestens zwei Banküberfällen und mehrere Waffen. Die ersten Obduktionsergebnisse zeigen, dass sich die Männer jeweils selbst erschossen haben. Die beiden gefundenen Pistolen führen zu dem Mordanschlag von Heilbronn: Sie gehörten der getöteten Polizistin und ihrem verletzten Kollegen. Auch Handschellen und weitere Gegenstände Kiesewetters werden gefunden.

Am Freitagnachmittag vergangener Woche explodiert in Zwickau ein Wohnhaus. Die toten Bankräuber hatten dort unter falschen Namen seit etwa drei bis vier Jahren gewohnt, zusammen mit der jungen Frau, die kurz vor der Explosion von Nachbarn noch gesehen wurde. In der zerstörten Wohnung finden die Polizisten Kleidungsstücke wie Basecaps und Parkas, die zu den Video-Aufnahmen von mehreren Banküberfällen passen.

Die Opfer der sogenannten Dönermorde Bilderstrecke

Für mehr als ein Dutzend Überfälle in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen zehn Jahren könnte die Bande verantwortlich sein. Außerdem findet sich in der Wohnung ein Waffenarsenal: Gewehre, eine Maschinenpistole – und ein Revolver des Modells, mit dem die Heilbronner Polizistin erschossen wurde. Weil die Waffe vom Feuer stark beschädigt ist, kann sie aber bislang noch nicht eindeutig zugeordnet werden.

Am Dienstag stellt sich die gesuchte Mitbewohnerin der mutmaßlichen Bankräuber dann der Polizei in Jena: „Ich bin die, die ihr sucht.“ Dem Haftrichter stellt sie sich als Beate Z. vor, 36 Jahre alt, gelernte Gärtnerin, derzeit arbeitslos. Viel mehr hat sie bislang nicht gesagt.

„Die haben immer wieder Punks überfallen“

Beate Z., Uwe M. und Uwe B., so viel steht fest, stammen aus Jena. Schon in den Neunzigern waren die drei dort stadtbekannt – als Neonazis. Sie werden bei rechtsextremen Demonstrationen gesehen, beim Prozess gegen den Holocaustleugner Manfred Roeder in Erfurt, und unter Linken in Jena verbreiten sie Angst.

„Die haben immer wieder Punks überfallen, das waren Schläger“, sagt Katharina König, Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken, die sich im Aktionsbündnis gegen Rechts engagiert. Enge Kontakte pflegte die Dreier-Clique außerdem zur Führungsriege des „Thüringer Heimatschutzes“, einer Art Sammelbecken der Neonazi-Gruppierungen in Thüringen. Der Verfassungsschutz erwähnt die drei in seinem Bericht 1998 als Mitglieder der Organisation.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Und dann wird am Freitag bekannt, dass sich in der Wohnung in Zwickau zudem die Pistole fand, mit der die Döner-Morde von 2000 bis 2006 verübt wurden. Bei der Durchsuchung der Zwickauer Wohnung wurde außerdem Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Mit dem Fall hat sich am Freitag auch der Thüringer Innenausschuss befasst. Die Opposition fordert Aufklärung über die Rolle der Sicherheitsbehörden, die Linkspartei eine länderübergreifende Ermittlungsgruppe. Die Täter haben sich offenbar selbst gerichtet. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

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