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Venezuela : Maduros Scheitern: Ein Desaster in Zeitlupe

Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro: „Es ist ein strategisch geplanter Krieg“ Bild: dpa

Nach dem Verfall des Ölpreises steuert Venezuela auf den gesellschaftlichen Kollaps zu. Präsident Nicolás Maduro sieht sein Land als Opfer eines „Ölkrieges des Imperiums“ Vereinigte Staaten.

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          Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro sieht sein Land als Kriegsopfer. Er wettert, dass sich der „Ölkrieg des Imperiums“ Vereinigte Staaten nicht allein gegen Venezuela richte, sondern auch gegen Russland. „Es ist ein strategisch geplanter Krieg“, sagte Maduro zu Wochenbeginn in einer im Staatsfernsehen übertragenen Rede. Ziel sei es, „unsere Revolution zu zerstören und den Zusammenbruch unserer Wirtschaft zu verursachen“.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Tatsächlich leiden Venezuela und Russland so stark wie keine anderen Länder unter dem Verfall des Ölpreises. Eine wesentliche Ursache des Preisverfalls auf dem Weltmarkt ist die starke Zunahme der Förderung von Schieferöl in den Vereinigten Staaten. Das in Venezuela geförderte schwere Öl ist im Vergleich zum amerikanischen und auch zum Öl der meisten Opec-Staaten dickflüssig und stark schwefelhaltig; beim Raffinierungsprozess verursacht es deshalb höhere Kosten. Daher erzielt das Öl aus Venezuela beim Export auf dem Weltmarkt einen niedrigeren Preis, gegenwärtig weniger als 50 Dollar pro Barrel; ein Barrel entspricht 159 Litern. Der Preis für Leichtöl der Richtsorte Brent hat sich in den vergangenen Wochen bei 56 Dollar je Barrel eingependelt.

          Der Preisverfall für Venezuelas wichtigsten Exportartikel, dem das Land 96 Prozent seiner Ausfuhrerlöse und 60 Prozent seiner Staatseinnahmen verdankt, ist dramatisch. Noch im Juli 2014 wurden für ein Barrel Öl aus Venezuela mehr als 96 Dollar bezahlt. Im Jahr 2013 erzielte das Barrel im Durchschnitt gut 98 Dollar, 2012 waren es im Jahresdurchschnitt sogar mehr als 103 Dollar. Auf den internationalen Finanzmärkten wird weithin 2015 mit einem Zahlungsausfall Venezuelas gerechnet. Im März muss Caracas zunächst rund eine Milliarde Dollar an Staatsanleihen bedienen; insgesamt werden 2015 mehr als 30 Milliarden Dollar an Zahlungen fällig. Die Devisenreserven des Landes beliefen sich Mitte Dezember auf 21,4 Milliarden Dollar. Beim letzten dramatischen Preiseinbruch auf dem Ölmarkt wegen der Finanzkrise von 2008 waren die Devisenreserven Venezuelas doppelt so hoch wie heute.

          Venezuela hat die größten Erdölvorkommen, doch fördert nur ein Bruchteil dessen, was die Vereinigten Staaten mit ihren begrenzten Vorkommen fördern.
          Venezuela hat die größten Erdölvorkommen, doch fördert nur ein Bruchteil dessen, was die Vereinigten Staaten mit ihren begrenzten Vorkommen fördern. : Bild: F.A.Z.

          Ungeachtet der prekären Finanzlage seines Landes bekräftigt Präsident Maduro bei jeder Gelegenheit, dass die Regierung in Caracas im neuen Jahr auf zwei Gebieten unter allen Umständen ihren Verpflichtungen nachkommen werde: beim internationalen Schuldendienst und zu Hause bei der Fortsetzung der umfangreichen Sozialprogramme. Sollten beide Versprechen eingelöst werden, wäre indes ein Wirtschaftswunder nötig. Rund 60 Prozent des Staatshaushalts von 2015 in Höhe von 118 Milliarden Dollar sind im Sozialetat schon fest verbucht. Im Jahr 2013 hatte Venezuela rund 75 Milliarden Dollar aus dem Verkauf von Erdöl eingenommen; damals war der Ölpreis aber fast doppelt so hoch wie heute. Unwahrscheinlich ist, dass der Ölpreis kräftig anzieht und Venezuela die dringend benötigten Einnahmen beschert.

          Krise und Proteste

          Die Zeichen einer gesellschaftlichen Krise in Venezuela waren freilich schon lange vor dem Preissturz bei Erdöl sichtbar geworden. Das Jahr 2014 begann in Venezuela mit Massendemonstrationen gegen die sozialistische Regierung von Präsident Maduro, der sich bei der Präsidentenwahl vom April 2013 nur knapp gegen den Oppositionskandidaten Henrique Capriles hatte durchsetzen können. Bei den Protesten starben mindestens 43 Menschen, die Mehrzahl von ihnen Anhänger der Opposition.

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