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Vatikan : "Vielleicht ist sogar in Polen einer . . ."

Papst Paul VI. (links) begrüßt seinen späteren Nachfolger Karol Wojtyla Bild: AP

Der Papst hat vieles in Bewegung gesetzt, hat vieles erreicht, aber vieles auch unvollendet, bruchstückhaft liegengelassen. Ein Gespräch mit Franz Kardinal König über Papst Johannes Paul II.

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          Schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen sind die Kardinäle der römisch-katholischen Kirche in Rom versammelt: Im August 1978 war Papst Paul VI. verstorben; seinem Nachfolger, Johannes Paul I., waren nur wenige Wochen im Amt vergönnt. Aufs neue kreisen die Gedanken der Papstwähler um die Frage, wer für das höchste Amt der katholischen Kirche geeignet sein könnte. Zwei von ihnen, der Wiener Kardinal Franz König, und der Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszynski, kennen einander seit Jahrzehnten, sind wohl Freunde geworden. Der Österreicher, mit 73 Jahren der jüngere der beiden, sucht mit dem vier Jahre älteren Polen in Rom das Gespräch. Wer könnte jetzt Papst werden? Wo sind geeignete Kandidaten?

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          "Ich kenne die Kardinäle viel zuwenig. Ich kann nichts sagen", antwortet Wyszynski. König, der seit den fünfziger Jahren regelmäßig die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs bereist hat und die kirchlichen Verhältnisse dort kennt wie kein zweiter Kardinal aus dem Westen, gibt ein Stichwort: "Da und dort könnte es einen geben, vielleicht ist sogar in Polen einer . . ." Wyszynski reagiert prompt: "Was? In Polen? Glauben Sie, ich gehe nach Rom? Das wäre der größte Triumph der Kommunisten, die wollen mich hier weghaben." Aber der Wiener Erzbischof hatte nicht an Wyszynski gedacht. Sein Kandidat, so erzählt König heute, war ein anderer Kardinal aus Polen, der Erzbischof von Krakau. Am 16. Oktober 1978, wenige Tage nach diesem denkwürdigen Gespräch, wurde Karol Wojtyla zum Papst gewählt. Sein Name: Johannes Paul II.

          Er ist schüchtern

          Die erste Begegnung des Wiener Kardinals mit Karol Wojtyla lag damals fast genau zwanzig Jahre zurück. Es war um die Jahreswende 1958. König, seit zwei Jahren Erzbischof von Wien und gerade von Johannes XXIII. in den Kardinalsstand erhoben, besuchte zum ersten Mal den Westen Polens. In der Gruppe, die ihn hinter dem tschechisch-polnischen Grenzübergang Teschen freundlich empfing, hielt sich ein jüngerer Priester erkennbar abseits. "Ist das ein Kaplan?" möchte König wissen. "Nein, das ist unser Studentenseelsorger", lautet die Antwort. "Warum kommt er nicht?" "Er ist schüchtern." König geht auf den Mann zu, als ihm jemand zuflüstert: "Er ist gerade Weihbischof geworden." Auch Karol Wojtyla spricht nun mit dem hohen Besuch aus Wien: "Aber bitte, sprechen Sie nicht Deutsch mit mir, denn ich habe keine Übung." Das sollte sich bald ändern. König folgte seiner Einladung nach Krakau. "Er hat mich herumgeführt, mir die Stadt gezeigt und von seinen Studenten erzählt", berichtet König aus jenen Tagen, als der spätere Papst ihm gegenüber seine Schüchternheit ablegte. "Die Studenten haben ihn sehr geschätzt."

          Der Kontakt zwischen Krakau und Wien riß nicht mehr ab, zumal bald darauf das Zweite Vatikanische Konzil begann. 1962, zu Beginn, war Karol Wojtyla noch Weihbischof, drei Jahre später, als das Konzil zu Ende ging, schon Erzbischof von Krakau. In der Konzilsaula habe der mit 45 Jahren sehr junge Bischof nicht oft das Wort ergriffen, erinnert sich König. "Er hat selten gesprochen, aber wann immer er gesprochen hat, dann immer zur Sache." König, der letzte lebende Konzilsvater, schildert den Krakauer Erzbischof als Ausnahme unter den Bischöfen aus den Ländern des Eisernen Vorhangs. "Die aus dem Osten waren in der Regel immer ein wenig desorientiert gegenüber dem Westen. Aber Wojtyla hat sich da gut ausgekannt." Daß der Mann aus Krakau einmal Papst werden könnte, dachte damals niemand.

          Seiner Art nach war er ein Sanfter

          Denn wie seit mehr als vierhundert Jahren, so war während des Konzils wieder ein Italiener zum Papst gewählt worden. Giovanni Battista Montini folgte als Papst Paul VI. auf Angelo Roncalli, der als Papst Johannes XXIII. der Angst und der Abschottung der Kirche gegenüber der Moderne ein Ende gemacht und "die Fenster der Kirche weit aufgemacht" hatte. Montini war ganz anders. Einerseits wollte er die Impulse des Konzils aufnehmen und in der Kirche weiterwirken lassen, andererseits, so schildert ihn König, war er ein ängstlicher, skrupulöser Mann. Eine Persönlichkeit wie diese wollte König im Jahr 1978 nicht noch einmal an der Spitze der Kirche sehen. Und auch sollte der neue Papst endlich nicht mehr ein Italiener sein. Am Ende war der Pole nicht nur seine Wahl, sondern die des Kardinalskollegiums.

          König hoffte, daß Johannes Paul II. an das Pontifikat Johannes XXIII. anknüpfen werde, an den Papst, der bei seiner Wahl kein fertiges Programm hatte und sich statt dessen seinem frommen, aber sehr menschlichen Gespür überließ. Der neue Papst enttäuschte ihn nicht. "Ich hatte ihn als einen sympathischen, lebendigen, modernen Bischof unserer Zeit kennengelernt", sagt König, "aber zugleich als einen sehr frommen, tief religiösen Mann." Beides konnte nun alle Welt erleben und bald noch viel mehr: "Seiner Art nach war er ein Sanfter, viele haben erst nachher gemerkt, was er im Sinn hatte." Denn der neue Papst hatte nicht nur Charisma, sondern auch ein Programm, das er nach und nach entfaltete: "Der Weg der Kirche ist der Weg des Menschen."

          Gespräch mit den nichtchristlichen Religionen

          Da stand also einer an der Spitze der katholischen Kirche, der nicht von steriler Dogmatik und spitzfindigem Kirchenrecht geprägt war, sondern ein Papst, der den überlieferten Glauben mit zeitgenössischer, personalistischer Philosophie versöhnte. "Menschenrechte, Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit", das sind in den Worten des Wiener Kardinals die Schlüsselkategorien des Pontifikats. Und Dialog, das Gespräch mit den nichtchristlichen Religionen, die Ökumene. Zu alldem hatte der Vatikan einen Mann besonders in den Dienst genommen: Kardinal König. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte König ein Buch veröffentlicht, das für damalige Verhältnisse einer Sensation gleichkam. Der Titel: "Christus und die Religionen der Erde". Während des Konzils leitete König das wohl erste Gespräch zwischen Repräsentanten des Christentums und der großen Weltreligionen. Es fand 1964 während des Eucharistischen Weltkongresses in Bombay statt. Wenige Monate später hielt König, der zahlreiche Sprachen spricht, darunter Arabisch und Persisch, als erster Repräsentant der katholischen Kirche an der islamischen Al-Azhar-Moschee in Kairo einen Vortrag. Sein Thema: "Das Christentum und der Islam. Was ist gemeinsam, und worin liegen die Unterschiede?"

          Fast scheint es so, als sei das Wirken des österreichischen Kardinals eine Blaupause für das Pontifikat Johannes Pauls II. gewesen. Aber davon will König nichts wissen. "Ich war mit ihm eines Sinnes, oder vielmehr er eines Sinnes mit mir." Ein intensiver, persönlicher Kontakt während des Pontifikats ergab sich freilich nicht. Schon 1980, zwei Jahre nach dem Amtsantritt von Johannes Paul II., erreichte König die bischöfliche Altersgrenze von 75 Jahren. Es war aber mehr als eine Geste der Anerkennung, daß der Papst seinen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von Wien erst fünf Jahre später, 1985, annahm. König lebt noch heute in Wien, inzwischen 98 Jahre alt, gerade von einem schweren Sturz genesen, aber nach wie vor geistig frisch.

          Vieles ist unvollendet

          König spart nicht mit Lob für all die Texte und Dokumente, die der Papst selbst verfaßt hat: "Seine Dokumente sind in der Regel sehr gute Dokumente", sagt der Kardinal - was von den Verlautbarungen der vatikanischen Behörden nicht unbedingt zu sagen ist. Doch wo viel Licht ist, da gibt es auch Schatten. "Der Papst hat vieles in Bewegung gesetzt, hat vieles erreicht, aber vieles auch unvollendet, bruchstückhaft liegengelassen", sagt König. So hat er nicht die Macht der von Juristen dominierten Kurie eingedämmt, nicht dem immer stärker werdenden Zentralismus Einhalt geboten, keine Balance zwischen Einheit und Vielfalt in der Kirche gefunden. Ohne Antwort geblieben sind für König auch die quälenden Fragen nach der Stellung der Frau in der Kirche, dem Zusammenwirken von Papst und Bischofskollegium bei der Leitung der Kirche, vor allem aber die Kernfrage jeder Ökumene, die nach der Ausübung des Primats des Bischofs von Rom - für jeden Nachfolger eine "ungeheure Last", sagt König voraus.

          Daß zur Reform der Kirche gar ein neues Konzil sinnvoll sei, glaubt er nicht. "Man könnte vieles tun, um aus der Sackgasse herauszukommen", sagt der Kardinal. Um so nachdenklicher stimmt es ihn, daß es im Kreis der Kardinäle und der Bischöfe keine Gruppen gibt, die sich dieser Themen annehmen - wäre nicht auch das eine Anerkennung für das fünfundzwanzigjährige Wirken von Papst Johannes Paul II.?

          Im Kardinalskollegium

          Am 3. August 1905 wurde Franz König in Niederösterreich geboren - als Bauernbub und ältestes von neun Kindern. Nach dem Abitur auf dem Stiftsgymnasium Melk wandte er sich den Naturwissenschaften, Sprachen, der Philosophie und der Theologie zu. Die Priesterweihe empfing er 1933 in Rom, als Alumne des Collegium Germanicum et Hungaricum. In den folgenden Jahren verband er seine wissenschaftlichen Interessen mit verschiedenen Tätigkeiten als Seelsorger, unter anderem für Kriegsgefangene. 1956 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Nachfolger von Kardinal Innitzer auf dem erzbischöflichen Stuhl zu Wien. Zwei Jahre später erhob ihn der neugewählte Papst Johannes XXIII. in den Kardinalsstand. 1965 vertraute Papst Paul VI. dem Wiener Kardinal, der sich mit vielen Reisen hinter den Eisernen Vorhang und Kontakten zu Repräsentanten der Weltreligionen einen Namen gemacht hatte. die Leitung des neugeschaffenen "Sekretariats für die Nichtgläubigen" an. Dieses Amt hatte er bis zur Vollendung seines 75. Lebensjahres inne, blieb aber auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. noch weitere fünf Jahre, bis 1985, Erzbischof von Wien. Heute lebt König, 98 Jahre alt, in einem Altersheim seiner Bischofsstadt. Er ist das zweitälteste Mitglied im Kardinalskollegium und der einzige in diesem Kreis, der in dieser Eigenschaft schon am Zweiten Vatikanischen Konzil teilgenommen hat. (D.D.)

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