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„Beleidigend“ für Ukrainer : Kritik am Kreuzweg des Papstes

Benennt den Aggressor weiter nicht: Papst Franziskus am Ostermontag in Rom Bild: Imago

Auch am Ostermontag ruft Papst Franziskus zum Frieden auf – ohne Russland als Aggressor zu benennen. In der Ukraine hat er schon vorher für Verärgerung gesorgt.

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          Der Ukrainekrieg hat in diesem Jahr die Osterfeierlichkeiten mit Papst Franziskus in Rom bestimmt. Dabei blieb der Papst seiner Linie treu, Russland und Putin als Aggressor nicht beim Namen zu nennen. „Zwist, Kriege und Streitigkeiten mögen dem Verständnis und der Versöhnung weichen“, sagte Franziskus am Ostermontag nach dem Mittagsgebet vor Tausenden Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          In seiner Osterbotschaft, die Franziskus am Sonntag von der Benediktionsloggia des Petersdoms aus verlas, rief er zur Beendigung „des grausamen und sinnlosen Krieges“ in der Ukraine auf. „Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden.“ Zuvor hatte sich Franziskus am Samstagabend während der Feier der Osternacht direkt an den Bürgermeister der ukrainischen Stadt Melitopol sowie an einige ukrainische Parlamentarier gewandt, die auf Einladung des Vatikans zu dem Gottesdienst in den Petersdom gekommen waren. „In dieser Dunkelheit, in der Sie leben, Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren Parlamentarier, in der Dunkelheit des Krieges, der Grausamkeit, beten wir alle, wir beten mit Ihnen und für Sie in dieser Nacht, wir beten angesichts von so viel Leid“, sagte er am Schluss seiner Predigt. Er beendete sie mit dem traditionellen ostkirchlichen Ostergruß auf Altkirchenslawisch: „Christos voskrese! Christus ist auferstanden!“

          Erzbischof von Kiew: Aggression Russlands nicht berücksichtigt

          Nach heftiger Kritik von ukrainischer Seite hatte der Vatikan für den Kreuzweg mit dem Papst am Karfreitag kurzfristig einen Text geändert. Er hielt aber daran fest, dass eine ukrainische und eine russische Familie an der 13. Station des Kreuzwegs am Kolosseum in Rom, die dem Sterben Jesu gewidmet ist, gemeinsam das Kreuz tragen. Vorgesehen war dafür ursprünglich ein Text, in dem es unter anderem hieß: „Warum das alles? Welchen Fehler haben wir begangen? Warum hast du uns im Stich gelassen? Warum hast du unsere Völker im Stich gelassen? Warum hast du unsere Familien auf diese Weise auseinandergerissen? Warum haben wir nicht mehr den Willen zu träumen und zu leben? Warum ist unser Land so dunkel geworden wie Golgatha?“

          Der griechisch-katholische Erzbischof von Kiew, Swjatoslaw Schewtschuk, hatte sich gegen diese vatikanischen Pläne ausgesprochen: „Ich halte diese Idee für nicht ratsam und zweideutig, da sie den Kontext der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine nicht berücksichtigt“, hieß es in einer Erklärung Schewtschuks. Für viele katholische Ukrainer seien die geplanten Texte und Gesten an dieser Station des Kreuzweges „unverständlich und sogar beleidigend“, so das Oberhaupt der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche.

          Der ukrainische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Andrij Jurasch, schrieb auf Twitter, die ukrainische Botschaft „versteht und teilt die allgemeinen Bedenken in der Ukraine und in vielen anderen Gemeinden“. Der Vatikan ersetzte daraufhin den ursprünglich geplanten Text der beiden Familien durch die Sätze: „Im Angesicht des Todes sagt das Schweigen mehr als viele Worte. Halten wir daher inne, um in Stille zu beten, und ein jeder bete in seinem Herzen für den Frieden in der Welt.“

          Der Ukrainekrieg hat auch die Äußerungen führender Vertreter der beiden großen Kirchen in Deutschland an den Ostertagen bestimmt. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, befürwortete Waffenlieferungen an die Ukraine, deren ethische Vertretbarkeit innerhalb ihrer Kirche strittig ist. Die Menschen in der Ukraine, deren Häuser und Städte zerbombt werden, brauchten Hilfe, um sich zu verteidigen – auch Waffen, sagte Kur­schus der Zeitung „Weser Kurier“. „,Frieden schaffen ohne Waffen‘ scheitert derzeit an einem Aggressor, der sich an keine internationalen Regeln hält und mit dem eine Vertrauensaufbau unmöglich ist.“ Das werde man „redlicherweise in die evangelische Friedensethik integrieren müssen“, so Kurschus.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, würdigte am Karfreitag den Mut der Fernsehredakteurin Marina Owsjannikowa, die im russischen Staatsfernsehen gegen den Überfall auf die Ukraine protestiert hatte. „Mich hat die Situation daran erinnert, wie Jesus vor Pilatus stand und sagte: ‚Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege‘“, sagte Bätzing im Limburger Dom. Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx sagte mit Blick auf den Ukrainekrieg, die Menschen hätten das Recht, ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen, der vielen Unschuldigen zu verteidigen und zu schützen. Dennoch stelle sich die Frage, wie es weitergehen werde.

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