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Vatikan : Papst ernennt Lehmann zum Kardinal

  • -Aktualisiert am

Papst Johannes Paul II. hat völlig überraschend die beiden deutschen Bischöfe Lehmann (Mainz) und Degenhardt (Paderborn) zu Kardinälen ernannt.

          Die Gläubigen auf dem Petersplatz waren ahnungslos, eigentlich waren sie nur zum Angelus-Gebet gekommen. Doch statt einiger Worte zum Sonntag präsentierte der Papst eine der größten Sensationen seiner Amtszeit. Selbst eingefleischte Vatikan-Kenner trauten ihren Ohren nicht, als der alte Mann fast beiläufig mit Jahrhunderte alten Gepflogenheiten des Vatikans brach.

          Erst vor einer Woche hatte er 37 Kardinäle ernannt - allein dies ein Rekord in der Kirchengeschichte. Jetzt gab er völlig unangekündigt nochmals die Namen von sieben weiteren Kardinälen bekannt - und darunter ausgerechnet auch den Karl Lehmmanns, der nicht wenigen im Vatikan schlichtweg als Ärgernis gilt. „Ist das derselbe Papst wie vor einer Woche?“ fragte sich ein italienischer Vatikan-Journalist. „Hat es im Vatikan eine politische Wende gegeben?“

          Die Tugend des Papstes

          Über Jahre hinweg war dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz die Purpurwürde verweigert worden. Jeder im Kirchenstaat wusste, dass das energische Eintreten des Mainzers für die Schwangerenberatung dem Papst ein Dorn im Auge war. Mehrmals musste er die Deutschen zur Ordnung rufen, bestellte sie zum Rapport nach Rom, schrieb Briefe, die kaum mehr seinen Ärger verhehlten. Tatsächlich bewies der Papst aber eine seiner längst bekannten Tugenden: Anhänger wie Gegner durch überraschende Wendungen in Erstaunen zu versetzen. Zwar ist der Pole im Vatikan kein Mann lauer Kompromisse. Aber im Unterschied zum Kurienkardinal Joseph Ratzinger ist er fast immer bemüht, Konflikte nicht auf die Spitze zu treiben. „Einbinden in die Weltkirche, auch mit Schwierigkeiten, ist ihm lieber, als offene Grabenkämpfe zu hinterlassen“, heißt es aus Expertenkreisen.

          Keinen Streit mit der deutschen Kirche

          Mit 80 Jahren bestellt Johannes Paul II. sein Haus. Einen tiefen Konflikt, einen bitteren Streit mit der deutschen Kirche zu hinterlassen, wäre ihm eine Last. Zudem: Lehmann ist nicht nur der Mann, der aufrecht für die Schwangerenberatung gekämpft hatte, solange der Vatikan ihm auch nur den geringsten Manövrierraum ließ. Lehmann ist aber auch der Mann, der beinahe alle deutschen Bischöfe in den „geordneten Rückzug“ von der Konfliktberatung führte. Der ganz große Konflikt mit den Deutschen wurde so verhindert. Letztlich zeigte sich der Mainzer gehorsam. Jetzt ist der Limburger Bischof Franz Kamphaus, der die Beratung keinesfalls aufgeben will, das neue Problem für Rom.

          Konservative geben auch weiterhin den Ton an

          „Wende im Vatikan?“ Wohl kaum. Schließlich erhält neben Lehmann nun auch der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt das rote Birett der Kardinäle - und der gilt wiederum als vehementer Abtreibungsgegner und als ausgewiesener Konservativer. Und auch die beiden anderen Bischöfe Walter Kaspar und Leo Scheffczyk, die vor einer Woche die Kardinalswürde erhielten, haben sich bisher niemals durch sonderlich Rom-kritische Äußerungen hervor getan. „Mit Wojtyla ist alles möglich“, lautete eines der Bonmots im Vatikan. Protokoll und Gepflogenheiten der Kurie waren Johannes Paul II. schon immer ziemlich gleichgültig. Der Coup nach dem Angelus wird auch wieder die Spekulationen anheizen, ob der alte und gesundheitlich immer stärker angegriffene Papst noch zu einer weiteren ganz großen Sensation bereit wäre - zum freiwilligen Rücktritt vom Amt. Das heiße Thema hatte vor einem Jahr sehr zum Ärger der Kurie ein Deutscher anzusprechen gewagt - Bischof Lehmann.

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