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Vatikan : Moralisch und historisch inakzeptabel

  • -Aktualisiert am

Ein rehabilitierter Bischof stellt die Bemühungen der Kirche um ein gutes Verhältnis zum Judentum in Frage. Es half wenig, dass der Vatikan erklärte, die Rücknahme der Exkommunikation aus ganz anderen Gründen habe „nicht das Geringste“ mit den abstrusen Ansichten eines der Betroffenen zu tun.

          Es sollte ein heilsamer Friedensschluss werden – und wurde zum Tiefschlag für Wohlmeinende, für Katholiken, Juden und Menschen guten Willens allgemein. Papst Benedikt XVI. wollte vier Bischöfe der „Priester-Bruderschaft Sankt Pius X.“, die sich wegen ihrer unerlaubten Weihe vor 21 Jahren den Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft zugezogen hatten, wieder in die Kirche holen; er nahm deshalb ihre Exkommunikation zurück. Doch dieses löbliche Unterfangen stößt seither dort auf breite Empörung, wo sonst das Verständnis für Dissidenten in der Papstkirche groß ist. Denn die vier – Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson, Alfonso de Galarreta – gelten als rechts, traditionalistisch, reaktionär.

          Es wurde von den Empörten nicht erwogen, dass die Wiederaufnahme in die kirchliche Großgemeinschaft den Traditionalisten die Möglichkeit der Besinnung biete. Die Kritiker lassen nicht gelten, dass die Wunde eines Schismas heilen werde; sie fürchten vielmehr, dass die Kirche von reaktionären Ansichten infiziert werde.

          Diabolischer Kronzeuge

          Als Bestätigung dafür wird einer der „begnadigten“ Bischöfe als diabolischer Kronzeuge beschrieben. Im Fernsehen hatte er widerlich Törichtes gesagt. Derlei steht in Deutschland unter Strafe. Der englische Bischof Richard Williamson, ein konvertierter Anglikaner, habe, so hieß es schon einige Zeit lang, den millionenfachen Mord an den Juden und die Gaskammern von Auschwitz „als Lügen“ bezeichnet. Nun lautet der Vorwurf, der Papst habe einen Holocaust-Leugner rehabilitiert.

          Es half wenig, dass der Vatikan-Sprecher erklärte, die Rücknahme der Exkommunikation aus ganz anderen Gründen habe „nicht das Geringste“ mit den historisch abstrusen Ansichten eines der Betroffenen zu tun. Zu allem Überfluss hatte der Vatikan das entsprechende Dekret der Bischofskongregation am Samstag, dem 24. Januar, veröffentlicht. Das war der Vorabend eines hoffnungsvollen Gedenktages in der Kirche, drei Tage bevor in besonderer Weise der Schoa, des Völkermords an den Juden, gedacht wird.

          Vor 50 Jahren, am 25. Januar 1959, hatte Papst Johannes XXIII. im Kapitelsaal des römischen Klosters Sankt Paul vor den Mauern ein Konzil angekündigt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das in vier herbstlichen Sitzungsperioden von 1962 bis 1965, zuerst unter Johannes XXIII., dann unter Paul VI. stattfand, verbinden alle etwas ganz anderes als die vermeintliche Rehabilitierung von Traditionalisten mit antisemitischer Gesinnung. Damals schloss sich die katholische Kirche nicht in der Vergangenheit ein, sondern öffnete sich: zu den Menschen, der Welt, der Zukunft, zu den anderen christlichen Kirchen und anderen Religionen. Sie sagte nach zwei Jahrtausenden endlich auch Christliches über die Juden und distanzierte sich von jedem Antisemitismus. Hätte sich ein Feind der Kirche einen boshaften Termin für die Begnadigung der Bischöfe ausdenken sollen, er hätte das vergangene Wochenende gewählt.

          Der Starrsinn der Traditionalisten

          Wahrscheinlich dachte Benedikt nichts Arges dabei. Der römischen Kirchenführung war der Starrsinn der Traditionalisten unter dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre lange ein schmerzendes Ärgernis: Diese wollten doch vor allem katholisch sein wie vor dem Konzil, auch in der Liturgie mit dem Gottesdienst nach altem Ritus, und sie lehnten neue Einsichten über die moderne Gesellschaft ab. Daraus wurde im Sommer 1988 ein Schisma, weil Lefebvre vier Priester ohne den notwendigen päpstlichen Auftrag zu Bischöfen weihte und so eine apostolische Nachfolge neben der römisch-katholischen herstellte. Dieses Schisma wurde jetzt getilgt.

          Doch gewöhnlich behandeln Päpste Abweichler weniger gnädig. Diese hätten wenigstens barfuß im Winterschnee ihren Canossa-Gang antreten müssen, um Verzeihung zu erlangen. Dann wäre deutlich geworden, dass Papst und Kurie nicht daran denken, erzkonservativen Ideen im Katholischen mehr als ein stilles Plätzchen abseits einzuräumen. Benedikt und seine römischen Kardinäle sollten nicht auf die leichte Schulter nehmen, dass viele Gläubige bei rechtskonservativ-reaktionären Bewegungen in der Kirche besonders sensibel sind.

          Auch bei Bischof Williamson, dem Holocaust-Leugner, wird Benedikt noch einiges nachklären müssen. Die Erklärung seines Pressesprechers reicht nicht, so wie sie nach der Regensburger „Anti-Mohammed-Vorlesung“ nicht genügte. Nicht, weil jetzt Juden in aller Welt und besonders in Italien fordern, der Papst müsse diesen Unsinn verurteilen, sondern weil Benedikt selbst eine Verbindung herstellen ließ, die er nicht wollte, zwischen einer vielleicht zu leicht gewährten Rehabilitation und dem Antisemitismus. Schlimmer noch: Der nun wieder katholische Bischof Williamson hat mit seinen Äußerungen das Konzil in Frage gestellt und die Bemühungen der Kirche um ein gutes Verhältnis zum Judentum. Benedikt der XVI., der deutsche Papst, der am 28. Mai 2006 im Vernichtungslager Auschwitz angesichts des millionenfachen Grauens fast an Gott verzweifelte, muss alles tun, um die Kirche und auch sich vor Schaden zu bewahren.

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