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Vatikan : Dogma und Diplomatie

Der Papst hat nicht nur einen Holocaust-Leugner rehabilitiert, was nie und nimmer hätte geschehen dürfen. Er hat Bischöfen die volle Gemeinschaft angeboten, die eingestandenermaßen nicht auf dem Boden der Lehre der Kirche stehen.

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          Selten hat ein kirchlicher Vorgang die kirchliche und die politische Öffentlichkeit so bewegt wie die Entscheidung Papst Benedikts XVI., die Exkommunikation der vier vor mehr als zwanzig Jahren widerrechtlich geweihten Bischöfe der Lefebvre-Bewegung aufzuheben. Doch anders als nach dem vatikanischen Befehl zum Ausstieg aus der gesetzlichen Schwangerschaftskonfliktberatung Ende 1999 sind die Reaktionen von Bischöfen und einzelnen Gläubigen, Fakultäten, Intellektuellen und Politikern bis hinauf zu Bundeskanzlerin Merkel in vielen entscheidenden Punkten nahezu deckungsgleich.

          Dass Benedikt XVI. zur Abwendung einer endgültigen Kirchenspaltung Gnade vor Recht ergehen lassen wollte, mochte vielleicht angehen, auch wenn der Papst nach der Rehabilitierung des "alten" Messritus im Sommer vorvergangenen Jahren damit eine weitere Bedingung erfüllte, die die Priesterbruderschaft Pius X. für eine Wiederaufnahme des Dialogs mit dem Vatikan aufgestellt hatte. Blankes Entsetzen aber hat der Umstand hervorgerufen, dass der deutsche Papst in der Person eines der vier Bischöfe einen einschlägig bekannten Holocaust-Leugner wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen hat.

          Aus der Sicht eines Papstes, dem das Heil der Seelen mehr als alles andere am Herzen liegen muss, mag das eine nichts mit dem anderen zu tun haben. Doch Dogma und Diplomatie sind nicht zwei streng voneinander geschiedene Sphären. Gerade das hat ja die Lefebvre-Bewegung den von ihr geschmähten Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. immer wieder vorgehalten: Wer eine Synagoge betrete, stehe auf dem Boden der Gottesmörder; wer das Gespräch mit anderen christlichen Konfessionen suche, relativiere den eigenen Wahrheitsanspruch, wer der Kollegialität in der Kirche das Wort rede, unterminiere das Autoritätsprinzip in Familie, Gesellschaft und Staat.

          Papst Benedikt hat nicht nur einen Holocaust-Leugner rehabilitiert, was nie und nimmer hätte geschehen dürfen. Er hat Bischöfen die volle Gemeinschaft angeboten, die eingestandenermaßen nicht auf dem Boden der Lehre der Kirche stehen und zudem die Spitze einer Bewegung bilden, die die Grundlagen demokratisch verfasster Gesellschaften ablehnt. Der Schaden für die Kirche im Allgemeinen und das Papstamt im Besonderen ist unermesslich.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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