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Säbelrasseln gegenüber Iran : Welche militärischen Optionen wägt Trump?

Amerikanische Langstreckenbomber B-52 „Stratofortress“ auf der Barksdale Luftwaffenbasis in Louisiana (Archivbild) Bild: AFP

Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran verschärfen sich. Ein klassischer Krieg ist vorerst unwahrscheinlich. Dennoch besteht Anlass zur Sorge. Eine Analyse.

          Es war ein Bild der Stärke und der Entschlossenheit, dass das amerikanische Zentralkommando (Centcom) in der Nacht zum Donnerstag auf Twitter und Facebook veröffentlichte. Angeleuchtet vom schwachen Licht eines Scheinwerfers glänzten zwei der kurz zuvor gelandeten vier Langstreckenbomber des Typs B52-H „Stratofortress" in der Dunkelheit der Al Udeid Air Base in Qatar um die Wette. Über ihre Einsatzmöglichkeiten klärte das für den Nahen Osten zuständige amerikanische Kommando direkt mit auf: Strategische Angriffe, Luftnahunterstützung – und noch einiges mehr. Zugleich meldete das amerikanischen Militär damit Vollzug.

          Die erste Ankündigung von Trumps nationalem Sicherheitsberater John Bolton ist umgesetzt. Der hatte am Sonntag verkündet, dass die Vereinigten Staaten Vorsorge gegen nicht näher definierte Bedrohungen seitens Irans treffen müssten. Es ginge dabei um mögliche iranische Angriffe auf amerikanische Truppen, Verbündete und Interessen in der Region. Neben der Verlegung der Bomber hatte Bolton angekündigt, dass ein amerikanischer Flugzeugträger in den Persischen Golf einlaufen werde. Die U.S.S. Abraham Lincoln und die sie begleitenden Kriegsschiffe befinden sich auf dem Weg.

          Offiziell beteuert die Regierung Trump, keinen Krieg mit Iran zu wollen. Doch der Wert solcher Äußerungen ist naturgemäß gering. Sie können der Wahrheit ebenso entsprechen wie sie (oft genug) der Vorbereitung des Gegenteils dienen. In welchem Umfang im Weißen Haus ernsthaft erwogen wird, gegen Iran militärisch vorzugehen, lässt sich in diesen Tagen noch schwerer sagen als ohnehin. Zuletzt sind mit Bolton und Außenminister Mike Pompeo vor allem zwei ausgemachte Falken aus Trumps Umfeld in Erscheinung getreten: Bolton mit seiner Ankündigung, Pompeo mit seinem Blitzbesuch im Irak. Boltons Sicht auf Iran ist berüchtigt. In einem Gastbeitrag für die „New York Times“ hatte der notorische Interventionist und Architekten des Irak-Kriegs 2003 schon vor vier Jahren die Ansicht vertreten, dass ein Angriff auf das Teheraner Regime die einzige Möglichkeit sei, um das iranische Atom-Programm aufzuhalten.

          Im amerikanischen Verteidigungsministerium wurden militärische Operationen gegen Iran hingegen bislang überwiegend skeptisch beurteilt. Bei Spannungen mit Iran warb das Verteidigungsministerium stets dafür, zu deeskalieren und nicht-militärische Wege zu wählen. Trump selbst scheint in der Frage noch nicht festgelegt. Einerseits war er es, der vor einem Jahr Amerikas Ausstieg aus dem Atomabkommen verkündete und dem Regime mit immer neuen Sanktionen den Geldhahn hat zudrehen lassen. Andererseits will der Präsident neue, kostspielige Kriege in der Region vermeiden. Bis dato hat er für eine militärische Auseinandersetzung mit Iran wenig Sympathie erkennen lassen.

          Die nun vorgenommenen Verschiebungen militärischer Einheiten deuten für sich genommen noch nicht darauf hin, dass die Regierung Trump ernsthaft umfangreichere militärische Operationen vorbereitet. Die knapp 100.000 Tonnen schwere „Lincoln“ befindet sich mit ihren rund 5000 Seeleuten, zahlreichen Kampfflugzeugen an Bord und den ihn begleitenden Kriegsschiffen auf einer Routinereise vom Mittelmeer über den Indischen Ozean in den Pazifik. Dass sie dabei für einige Zeit auch vor der Küste Irans Präsenz zeugt, war schon lange vor Boltons Auftritt am Sonntag klar und ist für Teheran nichts Besonderes. Auch die vier B-52  füllen zunächst einmal eine Lücke, die sich zuletzt bei den Amerikanern am Persischen Golf aufgetan hatte. Die Luftwaffe hielt dort seit den Terroranschlägen von New York und Washington am 11. September 2001 nahezu ohne Pause Langstreckenbomber vor. Im März war die zuletzt dort stationierte Staffel B-1 „Lancers“ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Diese Vakanz endete nun mit der Ankunft der B-52.

          Auf der anderen Seite sind die amerikanischen Streitkräfte auch ohne weitere Verstärkungen in der Region zu einer ganzen Reihe von Operationen fähig, die Iran treffen könnten. Mit Hilfe von seegestützten Marschflugkörpern und bereits in der Region stationierten Kampfflugzeugen könnten die Vereinigten Staaten Präzisionsschläge gegen Ziele im Iran und gegen die mit dem Teheraner Regime verbündeten Milizen im Jemen, in Syrien oder im Libanon vornehmen.

          Wie stark Amerika mit Luftangriffen das iranische Atomprogramm beschädigen könnte, darüber gehen die Ansichten unter Fachleuten auseinander. Seine Anlagen sind über das ganze Land verteilt und teilweise unterirdisch errichtet worden. Zudem verfügt Iran über eine in die Jahre gekommene, aber durchaus ernst zu nehmende Flugabwehr. Bolton selbst hatte in seinem Gastbeitrag in der „New York Times“ geschrieben, dass die Urananreicherungsanlagen in Natanz und Fordo ebenso wie der Reaktor und die Produktionsanlage für schweres Wasser in der Nähe von Arak die wichtigsten Ziele sein würden, ferner die Brennstäbeproduktionsanlage in Isfahan. Mit ihren bunkerbrechenden Bomben sind die Amerikaner in der Lage, auch extrem gehärtete Ziele zu treffen. Ob sie Irans unterirdische Anlagen zerstören können, gilt indes als offen. Unter Fachleuten wird damit gerechnet, dass die Amerikaner das Atomprogramm zumindest um eine Reihe von Jahren zurückwerfen könnten. Bolton schien das vor vier Jahren ausreichend, um mit Hilfe der Opposition im Land einen Regimewechsel herbeizuführen. Andere glauben, dass ein amerikanischer Angriff genau das Gegenteil bewirken und den Hardlinern Irans geradezu in die Karten spielen würde. Mit Hilfe verbündeter Milizen im Irak, einer Blockade der Seestraße von Hormuz oder Raketenangriffen könnten sie die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten politisch unter Zugzwang setzen. Die daraus folgenden Konfliktdynamiken wären unabsehbar.

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