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US-Atomwaffenpläne : Rüstungsexperte: Nukleare Schwelle könnte zu niedrig werden

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Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik Bild: Zenit

Falls die USA wirklich Mini-Kernwaffen entwickelten, könne die nukleare Schwelle zu niedrig werden, meint der Rüstungsexperte Thränert.

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          Die neuen amerikanischen Atomwaffenpläne haben weltweit Sorge ausgelöst. Der Rüstungsexperte Oliver Thränert von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagte im Gespräch mit FAZ.NET, auch unter Präsident Bill Clinton habe es bereits solche Pläne gegeben. Obwohl sich die Amerikaner nach dem 11. September stärker durch Massenvernichtungswaffen bedroht fühlten, steige jedoch nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit, Kernwaffen tatsächlich einzusetzen. Falls Mini-Kernwaffen entwickelt würden, bestehe allerdings die Gefahr, dass die nukleare Schwelle zu niedrig werde.

          Präsident Bush will angeblich Mini-Atomwaffen entwickeln lassen, die gegen Schurkenstaaten eingesetzt werden könnten. Außenminister Powell bestätigte die Existenz eines solchen Berichts, spielte aber die Bedeutung herunter. Wie realistisch sind solche Strategiepapiere?

          In den Vereinigten Staaten wurde schon unter Präsident Clinton darüber gesprochen, neuartige Kernsprengköpfe zu entwickeln, die in der Lage sein sollen, gegnerische verbunkerte Ziele zu zerstören. Es geht darum, die Option zu haben, in einer Auseinandersetzung mit so genannten Schurkenstaaten unterirdisch verbunkerte B-, C- oder Nuklearlager mit Kernwaffen treffen zu können. Die Amerikaner sprechen derzeit über eine neue Triade: fortentwickelte konventionelle Waffen, eine modernisierte Nuklearkomponente und neue Abwehrfähigkeiten- etwa durch ein Raketenschutzschild. Was die Kernwaffen anbelangt, ist das ein bisschen doppeldeutig. Einerseits möchte die Bush-Administration die Abhängigkeit von Kernwaffen reduzieren und ist ja auch bereit, mit den Russen einen Vertrag auszuhandeln, der die weitere Verringerung strategischer Kernwaffen beinhaltet. Andererseits möchte man sich im Bereich der taktischen Kernwaffen durch die mögliche Entwicklung neuer Sprengköpfe neue Optionen bei der Bekämpfung konkreter Ziele schaffen. Es handelt sich um strategische Planungen des Verteidigungsministeriums, allerdings noch nicht um konkrete politische Entscheidungen, solche Waffen wirklich zu entwickeln.

          Wer die Bombe hat

          Wie lange könnte es dauern, bis solche kleinen Kernwaffen einsatzfähig sind?

          Das hängt sowohl von technischen Entwicklungen ab als auch von politischen Entscheidungen. Es ist davon auszugehen, dass neue Nukleartests nötig würden. Ob die USA das seit 1992 eingehaltene Testmoratorium aussetzen wollen, muss man erst einmal abwarten. Denn das hätte natürlich auch politische Folgen.

          Experten meinen allerdings, die Gefahr, dass solche Waffen eingesetzt werden, sei unter einer Regierung Bush sehr viel wahrscheinlicher als unter einer Regierung Clinton.

          Ich glaube nicht unbedingt daran. Sicherlich befinden sich die Amerikaner nach dem 11. September in einer Situation, in der sie sich stärker durch Massenvernichtungswaffen bedroht fühlen als vorher. Insbesondere wird der Zusammenhang zwischen Terrororganisationen und so genannten Schurkenstaaten einerseits und der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen andererseits sehr deutlich gesehen. Trotzdem steigt nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit, dass die Amerikaner tatsächlich Kernwaffen einsetzen. Jeder Präsident würde sich das dreimal überlegen. Er würde immer zuerst versuchen, eine konventionelle Option zu nutzen. Andererseits wollen die Vereinigten Staaten gegnerische Staaten, die die USA selbst oder ihre Verbündeten bedrohen, unter maximale Abschreckungsdrohungen stellen.

          Aber Mini-Kernwaffen wären nicht mehr allein Abschreckungsmittel, sondern nach diesen Plänen fast schon konventionelles Kriegsmittel.

          Reine Abschreckung hat es in dem Sinn nie gegeben. Schon im Kalten Krieg hatte man ja Pläne, Kernwaffen auch wirklich einzusetzen. Eine glaubwürdige Drohung, also eine glaubwürdige Abschreckung basiert ja gerade darauf, dass man auch Einsatzoptionen hat. Es besteht allerdings die Gefahr, dass die nukleare Schwelle zu niedrig wird und die Wahrscheinlichkeit eines Kernwaffeneinsatzes steigt.

          Die Abschreckung wäre dann besonders glaubwürdig, wenn sich die Schäden eines Angriffs eng begrenzen ließen. Genau darauf scheinen die Pläne hinauszulaufen. Können Sie sich vorstellen, dass sich die Schäden auf einen kleinen Bereich begrenzen ließen, wenn mit einer Mini-Kernwaffe ein unterirdisches Lager mit B-Waffen angegriffen würde?

          Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Aber noch sind die Waffen nicht entwickelt.

          Nach Ansicht der Moskauer Tageszeitung „Iswestija“ wollten die USA vor allem dem Irak ein eindeutiges Signal senden. Gleichzeitig fragen sich die Russen, was sie auf dieser Liste der sieben möglichen Angriffsziele zu suchen haben. Warum steht Moskau noch auf der Atomliste?

          Das ist nun wirklich nicht neu, dass es Ziele für Kernwaffen in Russland gibt. Genauso gibt es nach wie vor Ziele für russische Kernwaffen in den USA. Das ist Ausdruck dessen, dass sich diese beiden Länder über vierzig Jahre im Kalten Krieg befunden haben und sich derzeit in einem Prozess der Annäherung befinden, der noch keineswegs abgeschlossen ist. Man muss sich das auch so vorstellen, dass zur nuklearen Planung in den Vereinigten Staaten immer ein hoher Bestandteil bürokratischer Prozesse gehört. Die nukleare Zielplanung hat über mehrere Jahrzehnte russische Ziele beinhaltet. Man hat diese Ziele noch nicht völlig gestrichen. Ich würde aber den politischen Ausdruck dessen nicht allzu hoch hängen.

          Hat das Auswirkungen auf die Abrüstungsverhandlungen mit den Russen?

          Das würde ich so direkt nicht sehen. Ich glaube, dass sich die Russen mit einer Kernforderung durchgesetzt haben - nämlich einen konkreten Vertrag zur Verringerung strategischer Kernwaffen anzustreben. Ursprünglich wollten die Amerikaner die gegenseitigen Reduzierungen ja nur mit einem Handschlag besiegeln. Aus politisch-symbolischen Gründen, aber auch, um eine gewisse Erwartungsstabilität herzustellen, ist ein solcher Vertrag für die Russen sehr wichtig. Vor diesem Hintergrund werden sie diesen wichtigen Vertrag, der möglicherweise beim nächsten Treffen zwischen den Präsidenten Putin und Bush im Mai unterzeichnet werden kann, nicht aufs Spiel setzen. Ohnehin dürften den Russen die Planungen der Amerikaner nicht neu sein.

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