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Urteil zu Beschneidungen : Kinderschutz

Trauma fürs Leben Bild: dapd

Die Politik hat sich bislang nur selten um religiöse Anliegen gesorgt. Doch nach dem Urteil zur rituellen Beschneidung steht in Berlin nun eine ganz große Koalition bereit. Der Rechtsfrieden wiegt für sie mehr als ein persönliches Trauma.

          Sigmar Gabriel, Renate Künast und Guido Westerwelle waren bisher nicht dadurch aufgefallen, dass sie sich für religiöse Anliegen oder archaische Traditionen starkmachten. Nun aber sorgen sie sich wortreich darum, ob jüdisches Leben in Deutschland künftig noch möglich sei. Auch der Regierungssprecher ist in heller Aufregung, nachdem sich die Europäische Rabbinerkonferenz eingemischt hat. Und so ist Erstaunliches geschehen: Nur zwei Wochen, nachdem ein Urteil bekannt geworden ist, das die rituelle Beschneidung eines muslimischen Jungen als Straftatbestand wertet, steht in Berlin die ganz große Koalition bereit, endlich „Rechtsfrieden“ zu stiften. Ein Gesetz soll außer Kraft setzen, was ein Kölner Gericht befand.

          Körperliche Unversehrtheit von Kindern

          Das Gericht, wird nun behauptet, habe das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit nicht abgewogen gegen das Recht auf freie Religionsausübung. Doch da gerät einiges durcheinander. Der Staat schützt zuerst das Recht jedes Einzelnen, sich frei für oder gegen einen Glauben zu entscheiden. Was heißt das für einen Säugling oder ein Kleinkind, dem die Vorhaut als Zeichen des ewigen Bundes mit Gott entfernt wird? Dass seinem Körper eine religiöse Entscheidung aufgeprägt wird, die er im mündigen Alter nie mehr widerrufen kann. Das ist der Sinn dieses Ritus - und genau davor sollte das Grundgesetz jeden Bürger schützen.

          Davon abgesehen: Ist es wieder üblich, die körperliche Unversehrtheit von Kindern in Frage zu stellen? Bisher galt es als Rechtsfortschritt in Deutschland, dass die Prügelstrafe abgeschafft wurde und Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Selbst der Versuch, „verantwortungsvoll durchgeführte Beschneidungen“ zu erlauben, führt in die Irre. Der im Kölner Verfahren beklagte Arzt verfuhr laut Gericht „einwandfrei“, nach den Regeln ärztlicher Kunst. Sein Patient aber dürfte ein Trauma fürs Leben erlitten haben.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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