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Urteil : Schröders Sieg: Gericht bekennt Farbe

  • -Aktualisiert am

Haupthaar als Nebenschauplatz: Schröder Bild: dpa

Des Kanzlers Haare entscheiden nicht die Wahl. Aber sie verführen zur Nachlässigkeit. Erfreulich, dass ein Gericht heute Farbe bekannt hat.

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          Des Kanzlers Haare mögen ein Nebenschauplatz sein. Sie berühren weder die Zahl neuer Arbeitsplätze noch die Gerechtigkeit des Steuersystems, nicht den europäischen Rechtspopulismus oder das deutsche Bildungssystem. Trotzdem ist es erfreulich, dass ein Gericht an diesem Freitag klar Farbe bekannt und der Nachrichtenagentur ddp verboten hat, Aussagen einer Imageberaterin zu den angeblich gefärbten Haaren von Gerhard Schröder zu verbreiten. Die Begründung macht das Urteil interessant.

          Sie kümmert sich gar nicht darum, ob Schröder tönt oder färbt oder nur wäscht: Weil der Wahrheitsgehalt der umstrittenen Äußerungen nicht überprüft war, deshalb müssen sie nun unterlassen werden. Der Agentur waren mühelos handwerkliche Fehler nachzuweisen, weil sie nach Überzeugung des Gerichts nicht mal bei der Imageberaterin nachgefragt hatte, ob deren Äußerungen auf Tatsachen beruhten oder lediglich auf Vermutungen.

          Reizvoll platte Geschichte

          Der Mann, der nicht alt werden will; der Mann, der den Verlust an Dynamik durch eine kraftvolle Haarfarbe zu stoppen versucht: So reizvoll die platte Geschichte erschien - ganz so einfach lässt es sich im Mediengeschäft nicht auf Kosten eines anderen leben, und sei er auch eine derart öffentliche Person wie der Bundeskanzler. Die Sorgfaltspflicht - ja ja, die gibt es - ist verletzt worden: Schnelligkeit statt Gründlichkeit, wo es auch Gründlichkeit trotz Schnelligkeit hätte heißen können. Nicht umsonst gilt in der Branche das gehässige Sprichwort, dass Recherche der Tod jeder guten Nachricht sei.

          Aber - um nicht zu staatstragend zu werden - natürlich entbehrt der Rechtsstreit nicht der Ironie. Medienkanzler ist das dominante Etikett, das langlebigste, das Schröder je angeheftet wurde. Eines, gegen das er sich nie gewehrt hat. Eines, im dem Eitelkeit immer mitschwingt, auch wenn zuerst Raffinesse gemeint ist. Eines, das sogar seine Gegner anerkennen müssen. Ein Pfund, mit dem Schröder auch 2002 wieder wuchern will. Allein die Tatsache, dass er sich auf ein „Wir oder die“ besinnt, heißt noch lange nicht, dass er damit auf Zuspitzung, auf „Er oder ich“ verzichtet.

          Eitel - na und?

          Schröder ist eitel. Aber ist das etwas Besonderes? Natürlich macht er sich angreifbar, wenn der Jurist Juristen bemüht wegen der Farbe seiner Haare. Aber warum eigentlich nicht, wenn er seine Privatangelegenheiten über Gebühr in die Öffentlichkeit gezerrt sieht? Ohnehin kann er kaum davon ausgehen, dass er das Thema nun vom Hals hat. Gerüchte und Unterstellungen halten sich länger als eine differenzierte Urteilsbegründung aus Hamburg, die sich leicht als Haarspalterei abtun lässt. Aber im Stillen wird Schröder den Sieg vor Gericht genießen - jetzt, da ihm die Union öffentlich die Show-Falle aufgestellt hat und ihm auf Schritt und Tritt vorhält, er biete nur Fassade, keine Substanz.

          Von der Substanz zur Fassade

          Auch Substanz kann zur Fassade verkommen, wenn sie übertrieben zur Schau getragen wird. Deshalb verfängt es auch nicht, wenn die Union dem Kanzler mit leicht zu entlarvendem Spott vorhält, er habe wohl keine anderen Probleme in diesen ernsten Zeiten.

          Dabei reiht sich der Bundeskanzler doch nur ein: Kann es denn wirklich sein, dass Michael Glos, der Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, seit einiger Zeit so üppig schwarze Haare hat? Sonst so forsch, hat Glos in der „Schläfen-Affäre“ auffällig geschwiegen. Und erinnern wir uns an Erwin Teufel, kreuz-braver Regierungschef in Baden-Württemberg: Er ließ sich falsch beraten und konnte den Eindruck nicht widerlegen, im Wahlkampf an einen Stümper unter den „Hair-Stylisten“ geraten zu sein, der ihn statt grau-braun plötzlich verdächtig rötlich erscheinen ließ. Nur dass die Haarfarbe nicht zum Typ passen mochte.

          Prinz-Eisenherz-Frisur

          Oder Angela Merkel: Zwar ist sie inzwischen entspannt genug einzuräumen, dass sie ihre Haare töne. Und doch muss sie wohl geglaubt haben, auf die Häme über ihre unglückliche Prinz-Eisenherz-Frisur reagieren zu müssen. Sonst hätte sie sich doch - stets auf Inhalte bedacht - über die Kritik an ihrer Erscheinung hinweggesetzt.

          Sei´s drum. Unwahrscheinlich, dass Schröder Anspielungen auf sein Erscheinungsbild unterdrücken kann. Nur die Nachrichtenagentur ddp ist jetzt gebunden. Andere werden sich den Streit weiter zu eigen machen. Schließlich ist Kampf, Wahlkampf. Da sind auch Nebenschauplätze grell erleuchtet.

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