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Urlaubszeit : Baden um jeden Preis

Die Rote Fahne vor dem Wachturm der Rettungsschwimmerin fordert die Urlaubsgäste auf, auf das Baden zu verzichten Bild: dpa

Urlaubszeit ist Badezeit. Doch viele Urlauber missachten die Warnungen vor gefährlichen Strömungen. Sie ignorieren Schilder und Warntafeln und begeben sich in Lebensgefahr.

          2 Min.

          Achtzehn Menschen sind am vergangenen Wochenende in Deutschland ertrunken. Acht starben in der Ostsee. Am Sonntag ertrank ein Mann vor Rügen. Während Rettungsschwimmer vergeblich versuchten, ihn wiederzubeleben, gingen wenige Meter entfernt Eltern mit ihren Kindern ins Wasser – bei zweieinhalb Meter hohen Wellen. In nur einer Stunde mussten die Rettungsschwimmer sieben weitere Menschen aus dem Meer ziehen, weil sie hilflos im Wasser trieben und zu ertrinken drohten.

          Auch am Timmendorfer Strand starb ein Mann, nachdem er trotz Badeverbots ins Meer gegangen war. Auch hier hielt das Verbot Familien mit kleinen Kindern nicht davon ab, kurz darauf wieder schwimmen zu gehen. Manche Kinder benötigten sogar noch Schwimmflügel – in der Ostsee haben sie sowieso nichts zu suchen. Wieder mussten Rettungsschwimmer hilflose Menschen aus dem Meer ziehen. Polizisten patrouillierten daraufhin am Strand und warnten per Megafon, dass das Baden lebensgefährlich sei, appellierten an Eltern, Kinder nicht schwimmen zu lassen. Doch selbst dieser Aufruf half nicht. Die Menschen gingen weiter ins Wasser, ignorierten auch die Warntafeln, auf denen stand „Nicht baden, gefährliche Strömung, Lebensgefahr“, und beschimpften die Rettungsschwimmer. Wer da schimpfte und schwamm? Familien, Rentner, Jugendliche.

          Menschen sind selbst schuld, wenn etwas passiert

          In Scharbeutz ertrank ebenfalls ein Mann. Als Helfer versuchten, ihn zu reanimieren, drängten sich Gaffer um den Sterbenden – auch sie gingen kurze Zeit später wieder baden. Nur eine Viertelstunde nachdem der Mann gestorben war, mussten die Rettungsschwimmer einen Jungen aus dem Meer holen. Insgesamt wurden in den vergangenen Wochen 34 Badende aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet. Wie soll man das nennen, wenn Menschen trotz solcher Warnungen ins Wasser gehen? Obwohl sie wissen, dass es lebensgefährlich ist? Obwohl sie gerade zugesehen haben, wie jemand gestorben ist? Ist es Dummheit, Übermut, Selbstüberschätzung, Leichtsinn? Vermutlich von allem etwas. Diese Menschen sind selbst schuld, wenn etwas passiert. Die Kinder natürlich nicht. Für sie sind die Eltern verantwortlich.

          Im vergangenen Jahr ertranken in Deutschland 446 Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen starb zwischen Juni und August: Sommerferien, Sonne, Badezeit – wie jetzt auch. Mehr als die Hälfte der Ertrunkenen war älter als 51 Jahre, mehr als achtzig Prozent waren Männer. Eine Umfrage hat ergeben, dass nur zwanzig Prozent der Deutschen zugeben, dass sie nicht schwimmen können oder nur sehr schlecht. Mehr als siebzig Prozent der Befragten behaupten, sie seien gute Schwimmer oder zumindest durchschnittliche Schwimmer. Nur: Mehr als vierzig Prozent haben nicht einmal ein Schwimmabzeichen. Sind sie dann wirklich gute Schwimmer?

          Regeln und Verbote sind Unsinn

          Aber wen interessiert das schon: Es glaubt ja sowieso jeder, dass er alles kann, und Regeln und Verbote sind auch Unsinn. So denken viele. Demnach gibt es die Verbote nur, um persönliche Freiheiten zu beschränken. Und an dieser Ansicht wird auch festgehalten, wenn das Meer schon längst das Gegenteil bewiesen hat – mit Toten. Noch etwas kommt hinzu: Der Chef der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft in Schleswig-Holstein, Thies Wolfhagen, spricht von einer „Vollkasko-Mentalität“. Weil die Menschen ihren Urlaub und die Kurabgabe bezahlt haben, glauben sie, dass ihnen nichts passieren kann. Als ob das Meer durch die Abgabe zur Badewanne würde und sie alle Verantwortung für sich los wären.

          Da wundert es nicht, was der Präsident der DLRG, Hans-Hubert Hatje, in einem Interview auf die Frage sagte, ob die Rettung Ertrinkender kostenfrei bleiben solle: „Unter dem Eindruck dessen, was wir in den vergangenen Tagen erlebt haben, müssen wir darüber nachdenken.“ Mittlerweile hat Hatje das zurückgenommen und nachgeschoben, dass die DLRG auch in Zukunft keine Gebühren für Einsätze eintreiben werde. Aber was ist an dem Gedanken eigentlich so falsch? Jemand, der Warnungen ignoriert und sich ganz bewusst in Lebensgefahr begibt, sollte auch für seine Rettung bezahlen. Zumal er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Retter in Gefahr bringt.

          Philip Eppelsheim
          (phil.), Politik

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