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Axel Voss auf der re;publica : In der Höhle des Löwen

Tatsächlich ist es eine der zentralen Fragen der Debatte, inwiefern so ein Foto, für das man keine Nutzungsrechte hat, zu einem eigenen Werk wird, wenn man es zum Beispiel mit einem Spruch verändert. Beckedahl befürchtet, dass Memes wie dieses in Zukunft von Uploadfiltern als urheberrechtlich geschützt eingeordnet und nicht veröffentlicht werden könnten. „Es kann sein, dass der Livestream unterbrochen wird, wenn ich dieses Meme künftig in die Kamera halte“, sagt Beckedahl. „Dann können Sie sich beschweren“, sagt Voss und wird vom Publikum ausgelacht. Insgesamt wirkt es, als seien Beckedahl der Applaus und die Lacher an diesem Mittag wichtiger als die Suche nach Lösungen.

Brechen des Urheberrechts als Pionierleistung?

Außerdem offenbart er eine etwas seltsame Rechtsauffassung: Als Moderator Schück Beckedahl fragt, wie er denn sicherstellen würde, dass so ein Meme künftig ins Internet kommt, sagt er: „Am besten lädt man es auf einer Plattform außerhalb der EU hoch mit einer IP-Adresse, die auch nicht aus der EU kommt.“ Voss sagt: „Solche Tipps sind wenig hilfreich.“ Beckedahl sieht das Brechen des Urheberrechtes dagegen als eine Art Pionierleistung an: „Wir mussten früher auf Plattformen wie Napster das Urheberrecht brechen, um überhaupt Musik hören zu können.“ So habe man klar gemacht, dass es eine entsprechende Nachfrage gebe – als Resultat daraus seien legale Streaming-Anbieter für Musik entstanden. Obwohl man früher natürlich auch Musik kaufen konnte, würde er diesen Weg gerne wieder gehen: „Ich hoffe, dass unsere Alltagspraktiken so legalisiert werden, dass wir unbeschadet im Internet kommunizieren können, ohne die Rechte anderer zu verletzen.“ Es sei heute zum Beispiel „leider vollkommen illegal“ auf einer privaten Homepage einen fremden Text zu veröffentlichen. Und es werde sehr teuer, wenn man ein Foto mit einer falschen Lizenzangabe veröffentliche. Warum genau es legal sein sollte, fremde Texte und fremde Bilder auf seiner Homepage zu veröffentlichen, erklärt Beckedahl leider nicht – und Moderator Schück, der sichtlich auf der Seite des Publikums ist, fragt auch nicht danach.

Dafür hält Voss dagegen: „Es geht darum, wie man sicherstellen kann, dass fremdes Eigentum auch in der digitalen Welt respektiert wird.“ Wenn man sich darüber Gedanken mache, werde man belächelt. Das Publikum antwortet mit einem langgezogenen „Ohhhh“. Voss ärgert sich darüber, er sagt, dass die EU nur eine Richtlinie verabschiedet habe, die jetzt in den Ländern umgesetzt werden müsse. Dabei könnten Aktivisten mithelfen: „Machen Sie doch mal Vorschläge!“ Beckedahl entgegnet, er sei kein Politiker. Er stellt Voss stattdessen die Frage, von wem und wie er denn künftig Geld bekomme, wenn jemand anderes auf einer Plattform wie Youtube ein Bild hochlade, für das er das Urheberrecht habe. Als Voss das nicht beantworten kann, ist die Freude im Publikum wieder groß. Voss sagt: „Es ist ja schön, dass Sie sich alle so an mir erfreuen können, aber bringen Sie doch mal praktische Vorschläge.“

Am Ende können sich die beiden Kontrahenten zumindest auf eines einigen: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir so eine Debatte führen, bevor alles feststeht“, sagt Beckedahl. Voss sagt dazu nach der Veranstaltung im Gespräch mit FAZ.NET: „Das Verfahren läuft seit drei Jahren, die Kritiker haben sich einfach zu spät dafür interessiert.“ Wie er den Besuch in der Höhle des Löwen erlebt hat? „Ich will mich nicht aus der Diskussion raus ziehen, mich interessieren Lösungsvorschläge. Aber ich habe heute keine Vorschläge gehört, stattdessen wurden lieber emotionale Sachen zur Belustigung der Zuhörer gesagt. Ich würde mir wünschen, dass man sich weniger auf die Person Voss und mehr auf das Problem konzentriert.“ Diese Chance, das kann man nicht anders sagen, wurde an diesem Mittag auf der re;publica verpasst. Dafür wurde viel gelacht.

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