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Untersuchungsausschuss : Pädophile und der Edathy-Effekt

  • -Aktualisiert am

Warum hat das BKA so spät aufgeklärt, dass der SPD-Abgeordnete Edathy Nacktbilder von Knaben kaufte? Bild: dpa

Der Untersuchungsausschuss zur Edathy-Affäre hat seine Arbeit aufgenommen. Wenn er erfolgreich ist, so kommt der Grund dafür aus einer Richtung, die höchstens am Rande mit dem aufgeregten Berliner Politikbetrieb zu tun hat.

          Der Untersuchungsausschuss zur sogenannten Edathy-Affäre ist nicht in einem Rausch aufklärerischer Begeisterung entstanden. Union und SPD sind der Auffassung, dass vier ausführliche Sitzungen des Innenausschusses im Bundestag vollkommen ausgereicht hätten, um aufzuarbeiten, warum das Bundeskriminalamt so spät aufklärte, dass der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy Nacktbilder von Knaben gekauft hatte. Selbst die grüne und die linke Opposition quälten sich lange, weil ihr sofort klar war, wie sehr die Innenpolitiker der beiden kleinen Fraktionen durch einen weiteren Untersuchungsausschuss in Anspruch genommen werden würden. Einen zu den Aktivitäten der NSA gibt es schließlich schon. Die SPD-Politikerin Eva Högl übernahm leidenschaftslos den Vorsitz des Gremiums, und die Union schickte eher ihren dritten als den zweiten parlamentarischen Sturm auf das dünne Eis.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer rief am Mittwoch aus dem politischen Off, es sei ein „absolutes Trauerspiel“, dass nach dem Bekanntwerden der Affäre vier Monate vergangen und ein „Bauernopfer“ (gemeint war der Rücktritt des CSU-Ministers Hans-Peter Friedrich) gebracht worden seien. „Union und SPD können nun zeigen, ob echte Aufklärungsbereitschaft besteht oder nur abmoderiert werden soll.“

          Rückfallgefahr von 50 bis 80 Prozent

          Ist der Ausschuss zu Edathy und dem Innenleben des Bundeskriminalamts, der der Unauffälligkeit halber schlicht „Zweiter Untersuchungsausschuss“ heißen soll, also überflüssig? Wenn diese Frage verneint werden kann, so kommt ein Grund dafür aus einer Richtung, die höchstens am Rande mit dem aufgeregten Berliner Politikbetrieb zu tun hat.

          Am Montagnachmittag hatte Bundesjustizminister Heiko Maas das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité besucht. Er traf sich mit dem Leiter und den Mitarbeitern eines Präventionsprojekts, das Menschen (fast ausschließlich Männern) mit pädophilen Neigungen helfen will, erst gar nicht zu Tätern zu werden oder aber, wenn das schon geschehen ist, ihre Neigungen so unter Kontrolle zu bekommen, dass sie Kinder nicht mehr missbrauchen. Vor zehn Jahren wurde das „Präventionsprojekt Dunkelfeld“ an der Charité ins Leben gerufen. Unter dem Namen „Kein Täter werden“ ist mittlerweile ein Netzwerk entstanden, das Anlaufstellen in neun Bundesländern hat. Maas hatte im Zusammenhang mit der beabsichtigten Verschärfung des Sexualstrafrechts mehrfach über das Projekt berichtet, das vom Bundesjustizministerium mit mehr als einer halben Million Euro im Jahr maßgeblich finanziert wird. Nun wollte er sich im Gespräch einen Eindruck von der Arbeit verschaffen.

          Man hatte dem Minister Interessantes zu sagen. Projektleiter Klaus Beier berichtete von einer Rückfallgefahr pädophiler Täter, die bei 50 bis 80 Prozent liege, selbst wenn die Männer über 60 Jahre alt seien. Pädophile Neigungen seien seit der Jugend vorhanden und veränderten sich nicht. Deswegen sei es wichtig, Pädophilen möglichst früh in deren Leben Hilfe anbieten zu können bei dem Versuch, ihre Neigung unter Kontrolle zu bekommen und eben nicht zum Täter zu werden.

          Eine Mitarbeiterin des Projekts berichtete, von 2000 Personen, zu denen Kontakt bestehe, seien lediglich 17 Frauen. Besonders aufschlussreich war jedoch die Reaktion der Mitarbeiter auf die Frage, ob die Diskussion über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, die seit einigen Jahren in der Politik und der Öffentlichkeit geführt wird, sich auf ihre Arbeit auswirke. Das wurde vehement bejaht. Seit die Missstände in der katholischen Kirche oder der Odenwaldschule bekannt wurden, seit aber auch über den Kauf von Nacktbildern durch einen prominenten Bundespolitiker berichtet wird und seit die Politik strafrechtliche Konsequenzen zieht, ist nach Auskunft der Mitarbeiter des Projekts einerseits die Verunsicherung pädophiler Menschen gewachsen. Andererseits aber auch die Bereitschaft, über die eigenen Neigungen zu reden und nach Hilfe zu suchen.

          Ein Jahr soll die Arbeit des Untersuchungsausschusses dauern. Vermutlich werden am Ende nicht politische Köpfe rollen. Vielleicht wird nicht einmal viel Neues über die Arbeit des Bundeskriminalamtes bekannt geworden sein. Aber immerhin dürfte das Thema Pädophilie noch ein Stück weiter aus der Dunkelheit gezogen worden sein. Das könnte immerhin ein Kollateralnutzen der politischen Affäre sein.

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