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Israel-Kommentar : Blutiger Freitag

Mit aller Härte ging Israel gegen palästinensische Demonstranten an seiner Grenze vor. Die Abschreckungsstrategie forderte viele Tote und Verletzte. Nutznießer ist die islamistische Hamas.

          Ein Palästinenser rennt fort vom Zaun, er trägt keine Waffe. Er hebt einen Reifen auf, schleppt ihn zu der Menschenmenge, die Grenze im Rücken. Ein Schuss kracht, der Junge fällt. Abd el Fatah Abed e-Nabi wurde 18 Jahre alt, erschossen von israelischen Scharfschützen. Das Video seines Todes im Gazastreifen dient jetzt der Propaganda der islamistischen Hamas. Und gleichzeitig einer brutalen israelischen Abschreckungsstrategie. Beide hatten etwas von diesem blutigen Freitag. Und die Menschen tragen den Schaden davon.

          Israel nahm sich das Recht, seine Grenze um jeden Preis zu schützen und auf Menschen, die Reifen anzünden und Steine werfen, mit scharfer Munition zu antworten. Am Ende zählten die Ärzte 16 tote Palästinenser und 758 weitere mit Schussverletzungen. Kein Israeli trug eine Verletzung davon, kein Demonstrant gelangte überhaupt an den Grenzzaun, hinter dem die israelischen Scharfschützen lagen. Aus militärischer Sicht also eine erfolgreiche Operation.

           „Gewaltfreier“ Protest lohnt sich nicht

          Wenigstens zwei Erkenntnisse hat den Palästinensern das Massaker gebracht: „Gewaltfreier“ Protest lohnt sich nicht, denn auch ohne eigene Bomben und Schusswaffen gerät man unter Feuer. Und: Es wird sich nichts ändern an der israelischen Härte. Eine internationale Reaktion auf die Gewalt am „Tag des Bodens“, an dem die Palästinenser einer früheren Enteignung gedenken, blieb aus. Amerika wird seinen Botschafter Mitte Mai feierlich von Tel Aviv nach Jerusalem versetzen – für die Palästinenser eine Demütigung sondergleichen.

          Die Menschen in Gaza fühlen sich verlassen: von der Welt und von der palästinensischen Behörde, die sich ihrem Protest nicht anschloss und die Hamas selbst bekämpft. Einzig die Hamas, deren perfide Anführer sich an die Spitze einer zunächst zivilgesellschaftlich geplanten Protestveranstaltung setzten, hat gewonnen, in dem sie einen kleinen Teil der Menge anstachelte. Die Hamas konnte so ablenken von der von ihr wesentlich mitverschuldeten Misere im Gazastreifen und von ihrer eigenen Isolierung in der arabischen Welt. Jetzt sind die Islamisten wieder im Gespräch: als Anführer der palästinensischen Sache, während die Greise um Präsident Mahmud Abbas in Ramallah ohne Strategie vor sich hin altern.

          Die Hoffnungslosigkeit ist greifbar in Gaza. Mehr als zwei Drittel der Hunderttausenden Jugendlichen hat keine Arbeit, Strom gibt es selten, Wasser ist knapp, an vielen Stellen stinkt es nach Kloake. Aber jeder Junge hat Zugang zu einem Smartphone und sieht, wie die Welt ab ein paar Tausend Meter weiter draußen aussieht. Diese Welt vermag kaum einer von ihnen je zu betreten. Sie bekommen keine Ausreisegenehmigung. So eine wie überschüssig behandelte Bevölkerung hat nicht mehr viel zu verlieren.

          Der Gazastreifen ist nicht die Hamas, und nicht jeder, der von der Hamas regiert wird, ist gleich ein Vasall der Islamisten. Wann ist der Siedepunkt erreicht, wo Hoffnungslosigkeit Hass weicht? Am Freitag kamen wenig mehr als zwanzigtausend Demonstranten. Das ist eine vergleichsweise kleine Zahl bei zwei Millionen Bewohnern von Gaza. Erst der nächste Freitag wird zeigen, was stärker ist: die Angst der Palästinenser vor israelischen Scharfschützen oder die Wut der Verzweiflung.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

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