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Zum Tod von Kardinal Meisner : Unbeirrbar wie Don Quichote

Joachim Kardinal Meisner (1933-2017) bei einem Gottesdienst 2004 im Kölner Dom Bild: Picture-Alliance

Joachim Kardinal Meisner stemmte sich gegen jede Form des Zeitgeistes in der Kirche. Für halbe Sachen war er nie zu haben. Wehe all dem, was sich nicht in sein Weltbild fügte.

          Nach Rom hatte Joachim Kardinal Meisner noch einmal fahren wollen, zu einer Audienz bei Papst Franziskus. Nicht, dass es ihn dorthin gezogen hätte, wie so oft in den langen Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. und dessen Nachfolger Benedikt XVI. Im Gegenteil. So sehr Meisner diese beiden Päpste verehrte, so sehr haderte er mit dem Argentinier im Vatikan – und das nicht nur im Stillen. Denn wie immer, wenn er von sich und seiner Sache überzeugt war, so suchte Meisner auch jetzt den Konflikt, direkt wie indirekt.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Zuletzt ließen ihn die „sachlich zweideutigen Passagen“ nicht ruhen, mit denen sich Papst Franziskus in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ aus dem vergangenen Jahr der dornigen Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen in der katholischen Kirche gewidmet hatte. Zusammen mit drei anderen Kardinälen schrieb Meisner im September 2016 einen Brief an Papst Franziskus, in dem gravierende „Zweifel“ an der Treue des Papstes zum kirchlichen Lehramt formuliert wurden. Weil sie keine Antwort erhielten, baten die vier im vergangenen Monat um ein persönliches Gespräch.

          Der Kardinal und seine Kathedrale: Joachim Meisner winkt am 9. März 2014 nach seinem Abschiedsfest vor dem Kölner Dom. Bilderstrecke

          Auf diese Weise – sei es von Angesicht zu Angesicht, sei es per Telefon – hatte Meisner schon als Bischof von Berlin, erst recht aber als Erzbischof von Köln nicht nur die Geschicke der katholischen Kirche in Deutschland über Jahrzehnte gelenkt. Sein Einfluss reichte mittels der Finanzen des Erzbistums Köln, der vielfältigen Hilfswerke der katholischen Kirche in Deutschland und seiner aus der unbedingten Loyalität zu Papst Johannes Paul II. gespeisten Macht im Vatikan in alle Kontinente hinein. Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle überall auf dem Globus – bis zuletzt pflegte Meisner ein Netzwerk einstmals papsttreuer Geistlicher, an deren Aufbau er in den achtziger und neunziger Jahren als Mitglied der vatikanischen Behörde, die für die Bischofsernennungen zuständig ist, mitgewirkt hatte wie kein zweiter.

          Loyalität war sein Ein und Alles

          An der Wiege gesungen war dem Kirchenmann dieser Lebensweg nicht. Geboren wurde Meisner am 25. Dezember 1933 in Lissa bei Breslau. Wie so viele Schlesier verlor er 1945 durch Flucht und Vertreibung seine Heimat, wie so viele wuchsen er und seine drei Geschwister ohne Vater auf. Die Meisners strandeten in der Sowjetischen Besatzungszone. Joachim lernte Bankkaufmann, dann wollte er Priester werden. In Erfurt wurde Meisner 1962 zum Priester geweiht. Dort wurde er nach Kaplansjahren, einer Promotion am Philosophisch-Theologischen Studium und einigen Jahren als Verantwortlicher für die Caritas 1975 Weihbischof. Papst Johannes Paul II., der Meisner in seinen letzten Jahren als Erzbischof von Krakau kennen- und schätzengelernt hatte, ernannte ihn 1980 zum Nachfolger des verstorbenen Berliner Kardinals Alfred Bengsch.

          Meisners Berlin war die geteilte Stadt, sein weltanschaulicher Gegner der kommunistische Atheismus, der in wechselnden Maskeraden den gesamten Ostblock im Würgegriff hatte. Anders als viele Wortführer der Evangelischen Kirche in Ost wie West war Meisner weder für „Kirche im Sozialismus“ noch für „Wandel durch Annäherung“ an die Honecker-DDR zu haben. Umso mehr schmerzte es ihn, wie sich manche seiner Berliner „Prälaten“ mit der Staatsmacht arrangierten und – wie sich nach dem Untergang der DDR herausstellte – gegen ihn konspirierten. Doch Selbstmitleid war seine Sache nie, Loyalität ihm und der von ihm repräsentierten Kirche gegenüber sein Ein und Alles.

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