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Schuldig des Völkermords : UN-Tribunal verurteilt Mladic zu lebenslanger Haft

  • Aktualisiert am

„Ich schlafe gut.“ Ratko Mladic vor der Urteilsverkündung in Den Haag Bild: Reuters

Es ist ein Urteil, das Geschichte schreibt. 22 Jahre nach dem Massaker an muslimischen Männern und Jungen im bosnischen Srebrenica hat das UN-Kriegsverbrechertribunal Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Bosnienkriegs hat das UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien Ratko Mladic zu lebenslanger Haft verurteilt. Der ehemalige militärische Führer der bosnischen Serben sei verantwortlich für den Völkermord in Srebrencia und weitere Verbrechen in dem drei Jahre dauernden Bürgerkrieg in der früheren jugoslawischen Teilrepublik Bosnien, sagte der Vorsitzende Richter Alphons M. M. Orie am Mittwoch in Den Haag bei der Urteilsverkündung. Der 74 Jahre alte Mladic war zuvor des Saals verwiesen worden, nachdem er mit Zwischenrufen die Verlesung des Urteils gestört hatte. „Es ging ihm nicht um seine Gesundheit, sondern er versuchte die Richter zu beleidigen“, sagte dazu Chefankläger Serge Brammertz.

          Die Richter sprachen den Angeklagten am Mittwoch in Den Haag für schlimmste Gräueltaten im Krieg (1992-1995) schuldig: Für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Völkermord in Srebrenica. Das Gericht sah die Schuld des Angeklagten als zweifelsfrei erwiesen an. „Das Gericht verurteilt den Angeklagten daher zu einer lebenslangen Haftstrafe“, sagte Orie. Der Vorsitzende sprach von „abscheulichen Verbrechen“. Die Vereinten Nationen in Genf würdigten das Urteil als „großen Sieg für die Gerechtigkeit“.

          Mladic war 2011 in Serbien verhaftet und dem UN-Kriegsverbrechertribunal übergeben worden. Er hatte sich länger als jeder andere der 161 Angeklagten des Tribunals der Justiz entzogen. Während des Krieges war Mladic Generalstabschef der bosnischen Serbenarmee, deren Truppen am 24. Juli 1995 die Schutzzone der Vereinten Nationen in Srebrenica überrannt und Schätzungen zufolge anschließend bis zu 8.000 bosnisch-muslimische Jungen und Männer ermordet hatten. Die von niederländischen Blauhelmsoldaten geschützte bosnisch-muslimische Enklave war ohne Gegenwehr eingenommen worden.

          Verantworten musste sich Mladic nicht nur für das Massaker von Srebrenica. Ihm wurde auch die 44 Monate lange Belagerung von Sarajevo zur Last gelegt, die im Mai 1992 begonnen hatte. Dabei waren laut Menschenrechtsorganisationen rund 10.000 Menschen getötet worden, vor allem durch serbische Scharfschützen und den Granatbeschuss durch serbische Truppen. Zudem wurde Mladic vorgeworfen, Blauhelmsoldaten gefangengenommen und als menschliche Schutzschilde gegen Luftangriffe der Nato missbraucht zu haben.

          Der Prozess gegen Mladic war 2012 eröffnet worden. Er dauerte mehr als 500 Verhandlungstage, an denen 592 Zeugen vernommen worden waren. 10.000 Beweisstücke seien dabei untersucht worden. Die Staatsanwaltschaft hatte für lebenslange Haft Mladics plädiert, die Verteidigung Freispruch gefordert. Mladic selbst hatte stets seine Unschuld beteuert. Er habe sein Volk nur verteidigt. Bereits 2016 war sein politischer Chef, der damalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, für eine fast identische Anklage zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

          Gegen das Urteil will Mladic nun in Berufung gehen. „Dieses Urteil ist ungerecht und widerspricht den Tatsachen“, sagte Mladics Sohn Darko in Den Haag. Das Gericht habe „Gerechtigkeit durch Kriegspropaganda ersetzt“.

          Es war der letzte Völkermord-Prozess des Tribunals. Ende des Jahres wird das Gericht nach 24 Jahren seine Arbeit abschließen. Wegen des Völkermordes in Srebrenica waren mit Mladic 16 Personen schuldig gesprochen worden.

          Auf dem Balkan stieß die Urteilsverkündung auf großes Interesse. Zahlreiche Fernsehsender übertrugen den Spruch des Kriegsverbrechertribunals am Mittwoch live. Mladic hatte vor der Urteilsverkündung gegenüber serbischen Zeitungen nochmals beteuert, dass er unschuldig sei. „Ich schlafe ruhig.“

          Dutzende Demonstranten und Angehörige von Opfern oder Vermissten des Bosnienkriegs hatten vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag das Urteil erwartet. Einige hielten Fotos von Opfern in den Händen. Auf einem Banner stand: „Keine Straffreiheit für Kriegsverbrecher“. Auf einem weiteren war ein Foto Mladics in Uniform neben einem menschlichen Schädel abgebildet, daneben der Schriftzug: „Schuldig an allem“.

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