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UN-Kriegsverbrechertribunal : Slobodan Milosevic in der Haft gestorben

  • Aktualisiert am

Gedenken an Milosevic bei der Pro-Milosevic-Gruppe „Freiheit” in Belgrad Bild: REUTERS

Der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic ist in der Haft gestorben. Der 64jährige wurde am Samstag tot in seiner Zelle aufgefunden. Milosevic mußte sich wegen Verbrechen während der Balkankriege vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten.

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          Der frühere jugoslawische und serbische Staatspräsident Slobodan Milosevic ist tot. Der 64jährige starb in der Haft des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, wie ein Sprecher am Samstag erklärte. Er habe tot auf dem Bett seiner Zelle gelegen. Vermutlich sei er eines natürlichen Todes gestorben. Milosevic mußte sich seit Februar 2002 wegen der ihm zur Last gelegten Kriegsverbrechen vor dem Tribunal verantworten.

          Milosevic wurde 1999 als erstes amtierendes Staatsoberhaupt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Tribunal in Den Haag angeklagt. Im Herbst 2000 wurde er als serbischer Präsident abgewählt und im Juni 2001 auf internationalen Druck hin ausgeliefert. Dem früheren Staatspräsidenten Serbiens und Jugoslawiens wurden insgesamt 66 Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo in den neunziger Jahren zur Last gelegt.

          Autopsie soll Todesursache klären

          Milosevic hatte schon seit einigen Jahren große gesundheitliche Probleme, weshalb der Prozeß mehrfach unterbrochen werden mußte. Seinen Antrag, sich wegen Herzproblemen in Moskau behandeln lassen zu dürfen, lehnte das Gericht erst kürzlich ab. Zudem hatte Milosevic Bluthochdruck. Eine Autopsie und eine toxikologische Untersuchung sollen jetzt die genaue Todesursache klären. Die Zellen der Häftlinge des Tribunals in Scheveningen werden jede halbe Stunde von einem Aufseher kontrolliert.

          Jubel über Milosevics Tod bei bosnischen Musliminnen, Überlebende von Srebrenica

          Das Haager Tribunal erklärte, Milosevics Familie sei über seinen Tod informiert worden. Milosevics Ehefrau Mirjana Markovic lebt seit 2003 in Rußland. Auch Sohn Marko ging nach Rußland, Tochter Marija lebt dagegen im serbisch kontrollierten Teil von Bosnien-Herzegowina.

          Pflichtverteidiger: Milosevic nicht selbstmordgefährdet

          Der Prozeß gegen Milosevic war in der vergangenen Woche ausgesetzt worden, um die Ankunft eines weiteren Zeugen der Verteidigung abzuwarten. Das Verfahren sollte am Dienstag fortgesetzt werden. Das Gericht wollte auch über einen Antrag Milosevics entscheiden, den früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton als Zeugen vorzuladen. Der Angeklagte hatte sich in dem Verfahren selbst verteidigt und wollte seine Ausführungen im Sommer abschließen.

          Der britische Anwalt Steven Kay, der Milosevic zur Seite gestellt worden war, beschrieb den Expräsidenten als nicht selbstmordgefährdet. „Er sagte zu mir: ,Ich habe nicht all diese Arbeit auf mich genommen, um dann einfach zu gehen und nicht wiederzukommen. Ich will diesen Fall zu Ende bringen'“, sagte Kay dem britischen Rundfunksender BBC.

          Serbische Regierung reagiert zurückhaltend

          Erst vor einer Woche war in dem gleichen Gefängnis in Scheveningen bei Den Haag einer der Hauptzeugen gegen Milosevic, der wegen Kriegsverbrechen verurteilte frühere kroatische Serbenführer Milan Babic tot aufgefunden worden. Er nahm sich in seiner Zelle das Leben. Der 50jährige war 2004 zu 13 Jahren Haft verurteilt worden.

          Der serbische Außenminister Vuk Draskovic reagierte zurückhaltend auf den Tod Milosevics. „Ich kann nur sagen, es ist schade, daß er sich der Justiz jetzt nicht mehr stellen muß“, sagte Draskovic am Rande eines Treffens der EU-Außenminister am Samstag in Salzburg. Dort hatte der französische Außenminister Philippe Douste-Blazy gesagt, Milosevic sei eines natürlichen Todes gestorben. Eine offizielle medizinische Bestätigung dafür gibt es bisher nicht.

          EU: Serbien weiter in der Pflicht

          Die Europäische Union sieht Serbien weiter in der Pflicht. Der Tod Milosevics entbinde Belgrad nicht von der Verantwortung, weitere gesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher an das UN-Tribunal auszuliefern, sagte die amtierende EU-Ratsvorsitzende und österreichische Außenministerin Ursula Plassnik in Salzburg. „Politisch ändert sich nichts daran, daß sich Belgrad dem Vermächtnis der Balkankriege stellen muß“, erklärte Plassnik. „Das ist eine der größten Herausforderungen für die gesamte Region.“

          Flüchtig sind nach wie vor die meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, der frühere bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic und Exgeneral Ratko Mladic. Die EU hat Serbien und Bosnien wiederholt dazu aufgefordert, für die Überstellung der beiden an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu sorgen.

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